Trump droht Berlin : USA-Truppen und Tomahawk-Raketen

Mann im Anzug spricht an Rednerpult mit Meeresblick

Über 850 Tomahawk-Marschflugkörper hat das amerikanische Militär laut einer Studie des Center for Strategic and International Studies (CSIS) vom 21. April 2026 gegen den Iran eingesetzt — rund ein Drittel des gesamten US-Bestands. Diese Zahl erklärt vieles. Sie erklärt, warum das Pentagon mit Raytheon einen Notfallvertrag zur Produktionssteigerung abgeschlossen hat. Und sie erklärt, warum Washington auf Berlins Kaufanfrage bislang mit Schweigen antwortet.

Trump dreht an der Truppenschraube : Berlin unter Druck

Der Ton zwischen Washington und Berlin ist rau. Donald Trump kündigte zunächst den Abzug von 5.000 in Deutschland stationierten Soldaten an — dann legte er am 2. Mai nach : Er sei bereit, die US-Truppenpräsenz „erheblich weiter » zu reduzieren. Auslöser war Bundeskanzler Friedrich Merz, der öffentlich Kritik an der amerikanischen Nahost-Strategie geübt hatte. Für Trump ist das offenbar eine rote Linie.

Frankreich sieht man in Washington bekanntlich anders, aber Berlin wird gerade klar gemacht, dass transatlantische Solidarität keine Einbahnstraße ist. Die Drohung ist real. Zehntausende US-Soldaten sind noch in Deutschland stationiert — allein in Ramstein und Grafenwöhr bilden sie das Rückgrat der NATO-Logistik in Europa. Einen signifikanten Teilabzug würden die Verteidigungsplaner in Brüssel als schwerwiegenden Einschnitt werten.

Hinzu kommt : Unter Joe Biden hatte die Nato beim Jahresgipfel im Sommer 2024 angekündigt, ab 2026 vorübergehend SM-6-Raketen und Tomahawk-Systeme auf deutschem Boden zu stationieren — als Abschreckungssignal gegenüber Russland. Dieses Vorhaben liegt heute auf Eis. Die deutschen Behörden gehen nicht davon aus, dass es realisiert wird. Außenminister Johann Wadephul formulierte Anfang Mai unmissverständlich : „Wir müssen dies als Weckruf verstehen, eigene Fähigkeiten schneller zu entwickeln. Einen anderen Weg gibt es nicht. »

Tomahawk für Deutschland : ein Rüstungspoker mit offenen Karten

Berlin will kaufen. Konkret geht es um Tomahawk-Marschflugkörper und die dazugehörigen Typhon-Startrampen — ein System, das bislang kein europäisches Land besitzt. Großbritannien verfügt über U-Boot-gestützte Tomahawks mit einer Reichweite von 1.600 Kilometern, Frankreich setzt auf den MBDA-eigenen MdCN (Missile de Croisière Naval) mit einer Reichweite von rund 1.000 Kilometern, der von Fregatten oder Atom-U-Booten abgefeuert werden kann. Doch eine bodenbasierte Variante — und genau darum geht es bei den Typhon-Systemen — existiert in keinem europäischen Arsenal.

Land System Abschussplattform Reichweite
USA Tomahawk Boden, Schiff, U-Boot bis 2.500 km
Großbritannien Tomahawk U-Boot 1.600 km
Frankreich MdCN (MBDA) Fregatte, U-Boot ca. 1.000 km
Deutschland keine Langstrecke

Das erste deutsche Kaufangebot wurde laut Financial Times bereits im Juli 2025 eingereicht. Washington hat bis heute nicht geantwortet. Der Grund dürfte mehrschichtig sein : Die massiven Abschüsse gegen den Iran haben den US-Vorrat dramatisch dezimiert, Raytheon kann die Produktionslücke nicht über Nacht schließen, und politisch ist die Stimmung zwischen beiden Hauptstädten angespannt.

Verteidigungsminister Boris Pistorius plant deshalb einen Besuch in Washington — allerdings nur, wenn er seinen Amtskollegen Pete Hegseth persönlich treffen kann. Ob dieses Gespräch zustande kommt, ist alles andere als sicher. Die bilateralen Spannungen machen solche Begegnungen derzeit schwieriger als noch vor einem Jahr.

Was Europa daraus lernen sollte — und wie Deutschland reagieren muss

Ehrlich gesagt : Die aktuelle Situation ist ein Weckruf, den Europa zu lange ignoriert hat. Die Abhängigkeit vom amerikanischen Schutzschirm war bequem. Nun zeigt sich, wie fragil diese Sicherheitsarchitektur ist, sobald ein US-Präsident innenpolitisch unter Druck steht und Verbündete als Druckmittel benutzt.

Für Deutschland sind die nächsten Schritte klar :

  • Beschleunigung der eigenen Rüstungsprogramme für Langstreckenkapazitäten
  • Intensivierung der Gespräche mit Frankreich und Großbritannien über gemeinsame europäische Abschreckungssysteme
  • Diplomatische Kanäle nach Washington offenhalten, trotz angespannter Lage
  • Prüfung alternativer Beschaffungsquellen für bodengestützte Präzisionswaffen

Die Bundeswehr verfügt heute über keine einzige bodengestützte Langstreckenrakete. Das ist nicht nur eine Fähigkeitslücke — es ist eine strategische Schwachstelle, die Russland genau kennt. Wer glaubt, diese Lücke schnell zu schließen, irrt sich. Die Beschaffung und Integration eines Systems wie Typhon dauert Jahre, nicht Monate.

Deswegen wäre es ein Fehler, den Tomahawk-Kauf allein als Lösung zu betrachten. Washington muss erst zustimmen — und das ist angesichts der angespannten Beziehungen und des erschöpften Raketenlagers keine Selbstverständlichkeit. Parallel dazu braucht Deutschland eine eigene industrielle Antwort. Der Weg zu einer glaubwürdigen, europäisch eigenständigen Abschreckung beginnt jetzt — nicht nach dem nächsten Truppenabzug.

Elena
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