Flugausfälle Deutschland : 20 Millionen Reisende gefährdet

Hunderte Passagiere warten im Lufthansa-Terminal des Flughafens.

Bis zu 20 Millionen Fluggäste in Deutschland könnten diesen Sommer auf dem Boden bleiben – nicht weil kein Kerosin da ist, sondern weil die Preise so hoch sind, dass sich zahlreiche Flüge schlicht nicht mehr rechnen. Diese Warnung kommt nicht von einer Nischenorganisation, sondern vom Verband der deutschen Flughäfen (ADV) höchstpersönlich. Die Lage ist ernst, und wer einen Flug für Juli oder August gebucht hat, sollte sie kennen.

Kerosinpreise auf Rekordniveau : Wie ein Konflikt den Luftverkehr lähmt

Ende Februar 2026 eskalierte der Konflikt im Iran. Eine direkte Folge : die Sperrung der Straße von Hormus, einer der wichtigsten Seewege für den globalen Öltransport. Durch diese enge Meeresstraße fließt normalerweise ein erheblicher Teil der weltweiten Erdöllieferungen. Seitdem sind die Kerosinpreise explodiert – und halten sich hartnäckig auf diesem Niveau.

Ralph Beisel, Hauptgeschäftsführer des ADV, bringt es auf den Punkt : Die Treibstoffkosten liegen seit mehr als zwei Monaten doppelt so hoch wie vor Ausbruch des Konflikts. Kein Kostenfaktor trifft Airlines so direkt wie der Spritpreis – er macht bei Low-Cost-Carriern mitunter 30 bis 40 Prozent der Gesamtkosten aus.

Die Europäische Union gibt zwar an, aktuell keine Versorgungsengpässe festzustellen, bereitet sich intern aber auf verschiedene Szenarien vor. Die EU-Flugsicherheitsbehörde EASA hat immerhin bereits grünes Licht gegeben für den Einsatz von Jet A, einem in den USA produzierten Kerosintyp, der in Europa bisher aus technischen Gründen nicht im Umlauf war. Ob das kurzfristig eine Lösung darstellt, bleibt fraglich.

Der entscheidende Punkt, den Beisel unmissverständlich formuliert : Selbst wenn ausreichend Kerosin verfügbar wäre, könnten viele Flüge bei den aktuellen Preisen nicht profitabel betrieben werden. Das ist keine Spekulation – das ist Betriebswirtschaft.

20 Millionen Passagiere im Risiko : Welche Flüge als erstes gestrichen werden

Der ADV warnt im schlimmsten Fall vor einem Kapazitätsrückgang von 10 Prozent an deutschen Flughäfen. Klingt abstrakt ? Bezogen auf das gesamte Streckennetz bedeutet das bis zu 20 Millionen betroffene Reisende allein in Deutschland. Das ist keine Marginalgröße – das ist jeder fünfte Sommerurlauber, der seinen Flug bucht und nicht weiß, ob der überhaupt stattfindet.

Welche Verbindungen sind besonders gefährdet ? Beisel nennt zwei Kategorien klar beim Namen :

  • Flüge von Billigfluggesellschaften, deren Geschäftsmodell auf minimalen Margen basiert
  • Verbindungen zu touristisch weniger bedeutsamen Zielen, die ohnehin schwächer ausgelastet sind

Wer also einen Direktflug in eine Großstadt oder ein Hauptreiseziel gebucht hat, ist tendenziell besser geschützt. Wer hingegen auf eine Nebenstrecke oder einen Regionalflughafen setzt, sollte wachsam sein und einen Plan B im Hinterkopf haben.

Lufthansa hat bereits gehandelt – und zwar drastisch. Europas größter Luftfahrtkonzern hat seine Kapazitäten im April 2026 massiv reduziert und unter anderem seine Regionalflugtochter CityLine geschlossen. Als Begründung nannte das Unternehmen ausdrücklich die explodierenden Kerosinkosten. Das ist kein Signal, das man ignorieren sollte.

Flugtyp Risiko einer Streichung Betroffene Passagiere (Schätzung)
Low-Cost-Verbindungen Sehr hoch Mehrere Millionen
Nebenstrecken / Regionalziele Hoch Mehrere Millionen
Hauptstrecken / Touristikziele Mittel Begrenzt
Interkontinentalflüge Gering Gering

Eine Normalisierung der Lage ist laut Beisel in den nächsten Monaten nicht zu erwarten. Das bedeutet : Die Krise begleitet uns durch den gesamten Sommer 2026 – ohne erkennbares Enddatum.

Was Reisende jetzt konkret tun sollten

Wer diesen Sommer fliegen will, sollte sich nicht auf Hoffnungen verlassen. Mein klarer Rat : Prüf jetzt die Stornobedingungen deiner Buchung. Nicht irgendwann – jetzt. Viele Reisende unterschätzen, wie schnell eine Annullierung kommt und wie lang die Schlange am Kundendienst danach ist.

Gut zu wissen : Das EU-Recht schützt Passagiere bei Flugannullierungen. Die Brüsseler Behörden haben klargestellt, dass gestiegene Kerosinpreise keine „außergewöhnlichen Umstände » im Sinne der EU-Fluggastrechteverordnung darstellen. Airlines sind damit verpflichtet, bei Annullierungen zu entschädigen – mit Pauschalbeträgen zwischen 250 und 600 Euro je nach Strecke, plus Verpflegung und Hotelunterbringung bei Bedarf. Wer das nicht weiß, verschenkt bares Geld.

Brüssel hat die Fluggesellschaften bereits abgemahnt, die versuchen, Streichungen mit dem Kerosinpreis zu rechtfertigen, um Entschädigungen zu umgehen. Das Argument zieht nicht – zumindest nicht vor europäischen Gerichten.

Für besonders preissensible Reisende lohnt sich auch ein Blick auf alternative Verkehrsmittel für kürzere Strecken. Eurostar oder Nachtzüge innerhalb Europas gewinnen in diesem Sommer an Attraktivität – nicht nur ökologisch, sondern schlicht weil sie zuverlässiger kalkulierbar sind. Ein Flug, der gestrichen wird, kostet am Ende mehr als das teurere Zugticket, das man anfangs vermeiden wollte.

hanna
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