Vier Jahre Stagnation in Folge – das ist das Szenario, das Deutschland droht. Nicht wegen mangelnder Reformbereitschaft allein, sondern weil ein neuer geopolitischer Schock die ohnehin angeschlagene Konjunktur trifft : der Krieg im Iran.
Der Iran-Konflikt als neuer Energieschock für Deutschland
Die Energiepreise schossen in die Höhe, kaum dass der Konflikt im Iran eskalierte. Für die deutsche Industrie ist das keine abstrakte Bedrohung – es ist ein direkter Treffer ins Mark. Das Wirtschaftsministerium in Berlin ließ keinen Zweifel daran : Das wirtschaftliche Momentum des ersten Quartals 2026 habe „im Kontext des Nahost-Konflikts spürbar nachgelassen. » Bundeskanzler Friedrich Merz formulierte es am 13. April noch klarer : Die Auswirkungen dieses Krieges würden „noch lange zu spüren sein. »
Was das konkret bedeutet ? Berlin bereitet sich darauf vor, seine Wachstumsprognose für 2025 von 1 % auf 0,5 % nach unten zu korrigieren – das berichtet die Financial Times unter Berufung auf Regierungskreise. Ein halbes Prozent Wachstum klingt wenig, ist aber noch schmeichelhaft für eine Wirtschaft, die seit 2022 faktisch stillsteht.
Das Tückische : Deutschland hatte den ersten Energieschock durch den Ukraine-Krieg noch nicht verdaut. Die Industrie – allen voran die Chemie- und Pharmasektor – kämpft nach wie vor. Die Industrieproduktion ist auf das Niveau von 2004 zurückgefallen. Zwanzig Jahre Fortschritt, einfach weg.
| Indikator | Aktueller Stand | Vergleichswert |
|---|---|---|
| Industrieproduktion | Niveau von 2004 | Rückgang gegenüber 2022 |
| Arbeitslosigkeit | +30 % über Vor-Corona-Niveau | Steigerung fast jeden Monat |
| Unternehmensinsolvenzen | Höchststand seit 20+ Jahren | Deutlich über 2019-Werten |
| BIP-Wachstum 2025 (Prognose) | 0,5 % | Vorherige Prognose : 1 % |
Die Arbeitslosigkeit übersteigt mittlerweile das Vor-Pandemie-Niveau um satte 30 %. Firmeninsolvenzen erreichen Höchststände, wie sie Deutschland seit mehr als zwei Jahrzehnten nicht gesehen hat. Das sind keine Statistiken am Rand – das ist das Bild einer Volkswirtschaft unter echtem Druck.
Stagnation als neue Normalität – was Ökonomen wirklich denken
Clemens Fuest, Chef des Münchner Ifo-Instituts, bringt es auf den Punkt : „Stagnation ist die neue Norm. » Seine Diagnose fällt hart aus, aber sie ist kaum zu widerlegen. Vier strukturelle Bremsklötze belasten Deutschland dauerhaft :
- Dauerhaft hohe Energiekosten, verschärft durch jeden neuen Konflikt in der Region
- Schrumpfende Erwerbsbevölkerung durch demografischen Wandel
- Schwache Produktivitätszuwächse trotz Digitalisierungsversprechen
- Bürokratischer Überbau, der Investitionen verlangsamt und verteuert
Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, geht noch weiter. Gegenüber der Financial Times erklärte er, es sei „zunehmend wahrscheinlich », dass 2026 ein weiteres verlorenes Jahr werde – mit einer Wachstumsprognose von gerade einmal 0,3 %. „Das ist praktisch eine schwarze Null », so sein Urteil. Nüchtern. Treffend.
Trotz eines leichten BIP-Rebounds im Jahr 2024 liegt die Wirtschaftsleistung noch immer unter dem Niveau von 2022. Gegenüber dem Vorpandemiestand ist kaum ein Fortschritt sichtbar. Das öffentliche Investitionspaket von 1.000 Milliarden Euro – finanziert über Schulden – weckte Hoffnungen. Goldman Sachs schätzt seinen Wachstumseffekt 2025 aber auf lediglich 0,5 Prozentpunkte. Ein netter Impuls, kein Gamechanger.
Was die Lage zusätzlich verschärft : Der Iran-Krieg hat genau jenes psychologische Moment zerstört, das manche Ökonomen auf ihre Hoffnungsliste gesetzt hatten – ein aufkeimender Optimismus im Unternehmenssektor, der Privatinvestitionen hätte anstoßen können. Stattdessen dominiert Verunsicherung. Konsum ? Stagniert. Exporte ? Unter Druck. Private Investitionen ? Warten ab.
Kurzfristige Entlastung oder echte Lösung – was die Bundesregierung plant
Die Regierung reagiert. Ein Notfallpaket von 1,6 Milliarden Euro soll den unmittelbaren Schmerz abfedern. Konkret : Benzin und Diesel sollen für zwei Monate um rund 0,17 Euro pro Liter billiger werden. Für Pendler mit langen Arbeitswegen bringt das messbare Erleichterung – für eine Industrie, die tausende Liter täglich verbraucht, ist es ein Tropfen.
Dazu kommt eine Mobilitätsprämie von bis zu 1.000 Euro pro Person, steuer- und sozialabgabenfrei. Das ist kein schlechter Zug, um die Kaufkraft kurzfristig zu stabilisieren. Aber ehrlich gesagt : Das bekämpft Symptome, keine Ursachen.
Die eigentliche Herausforderung liegt woanders. Solange Deutschland keine strukturell günstigere Energieversorgung aufbaut, bleibt es anfällig für jeden neuen Konflikt in energieproduzierenden Regionen. Der Ukraine-Schock hätte als Weckruf dienen können. Er wurde partiell genutzt – aber nicht konsequent genug. Jetzt kommt der zweite Schlag aus dem Nahen Osten, bevor die Wunden des ersten verheilt sind.
Wer auf den großen Befreiungsschlag durch das schuldenfinanzierte Investitionsprogramm hofft, sollte die Erwartungen kalibrieren. Die Mittel fließen träge durch bürokratische Kanäle. Einige Ökonomen sind optimistischer und sehen in der konsequenten Umsetzung des Haushaltsplans noch Potenzial, Konsum und Beschäftigung anzukurbeln. Richtig – aber das braucht Zeit, die Deutschland gerade nicht hat. Die nächste Entscheidung fällt nicht in Brüssel oder Washington. Sie fällt in jedem Aufsichtsrat, der gerade überlegt, ob er in Deutschland oder anderswo investiert. Das ist die eigentliche Abstimmung, die zählt.



