Semaine de 73 heures : flexibilité ou abus ?

Erschöpfter Mann arbeitet nachts am Laptop im Büro

73,5 Stunden in einer einzigen Woche — das ist keine Übertreibung, sondern eine konkrete Berechnung der Hans-Böckler-Stiftung. Theoretisch wäre dieses Szenario möglich, wenn die geplante Reform des deutschen Arbeitszeitgesetzes so umgesetzt wird, wie es die Koalition unter Bundeskanzler Friedrich Merz vorhat. Die Debatte, die das auslöst, ist hitzig — und das aus gutem Grund.

Was die Bundesregierung wirklich plant

Arbeitsministerin Bärbel Bas will im Juni einen Gesetzentwurf vorlegen, der das bisherige System grundlegend verändert. Statt einer täglichen Höchstarbeitszeit von acht Stunden soll künftig eine wöchentliche Obergrenze gelten. Die Idee dahinter : mehr Spielraum für Schichtarbeit, Saisonbeschäftigung, Nacht- und Wochenendarbeit. Unternehmen sollen entlastet werden — das ist das erklärte Ziel.

Für Arbeitnehmer sind ebenfalls Anreize vorgesehen. Geplant sind steuerfreie Zuschläge für freiwillige Überstunden sowie steuerliche Vergünstigungen bei Teilzeitkräften, die mehr arbeiten möchten. Klingt auf dem Papier fair — aber der Teufel steckt im Detail.

Der aktuelle Rechtsrahmen ist eindeutig : Das Arbeitszeitgesetz (ArbZG) schreibt vor, dass die tägliche Arbeitszeit acht Stunden nicht überschreiten darf. Ausnahmen erlauben maximal zehn Stunden pro Tag, und das wöchentliche Maximum liegt bei 48 Stunden. Diese Regelung existiert seit 1918 — also seit über einem Jahrhundert. Sie abzuschaffen ist keine Kleinigkeit.

Auch die EU-Arbeitszeitrichtlinie setzt eine durchschnittliche wöchentliche Obergrenze von 48 Stunden. Das bedeutet : Wer an manchen Tagen zwölf Stunden arbeitet, muss an anderen Tagen deutlich kürzer arbeiten, um den Schnitt zu halten. Aber wer kontrolliert das wirklich im Alltag ?

Gesundheitsrisiken, die man nicht ignorieren kann

Frankly : Wer die medizinischen Daten kennt, kann diese Reform nicht einfach als harmlose Flexibilisierung abtun. Nach einer Zwölf-Stunden-Schicht ist das Unfallrisiko am Arbeitsplatz oder auf dem Heimweg doppelt so hoch wie nach einem normalen Achtstundentag. Das sind keine Mutmaßungen — das zeigen Studien zur Arbeitssicherheit.

Längere Arbeitszeiten stehen außerdem in direktem Zusammenhang mit Burnout, Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychischen Erkrankungen. Die Hans-Böckler-Stiftung warnt ausdrücklich : Diese Folgen belasten nicht nur die Betroffenen, sondern auch das Gesundheitssystem und die Arbeitgeber selbst. Psychisch bedingte Fehlzeiten dauern laut DAK-Daten aus dem Jahr 2023 im Schnitt 33 Tage — das ist eine enorme wirtschaftliche Last.

Hier ist eine Übersicht der wichtigsten gesundheitlichen Risiken bei langen Arbeitszeiten :

  • Erhöhtes Unfallrisiko (doppelt so hoch ab 12 Stunden täglich)
  • Burnout und chronische Erschöpfung
  • Schlafstörungen und Erholungsdefizite
  • Herzkreislauferkrankungen
  • Psychische Erkrankungen mit langen Ausfallzeiten

Der Chef der Jusos, Philipp Türmer, bringt es auf den Punkt : Die gesetzliche Arbeitszeitbegrenzung schützt Menschen davor, mit 50 Jahren körperlich oder seelisch ausgebrannt zu sein. Seine Worte im Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) waren unmissverständlich — er nennt die geplante Abschaffung des Achtstundentages eine „Unverfrorenheit ».

Was Gewerkschaften fordern — und was Arbeitnehmer denken

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und die Gewerkschaft Verdi schlagen Alarm. Ihre Befürchtung ist konkret : Beschäftigte könnten an einzelnen Tagen bis zu 13 Stunden arbeiten müssen. Yasmin Fahimi, führende Gewerkschaftsfunktionärin, betont, dass überlange Arbeitszeiten und fehlender Einfluss auf die eigene Arbeitszeitgestaltung nachweislich krank machen — und damit kontraproduktiv für Wirtschaft und Sozialversicherungssysteme sind.

Schaut man sich die Meinungen der Beschäftigten an, ist das Bild eindeutig :

Frage / Studie Ergebnis Quelle
Ablehnung von mehr als 8 Stunden täglich 72 % der Befragten DGB-Umfrage
Befürchtung negativer Folgen bei über 10 Stunden Arbeit Fast 75 % der Befragten WSI-Institut

Diese Zahlen sind eindeutig. Drei von vier Beschäftigten fürchten die Konsequenzen langer Arbeitstage — und das in einem Land, in dem viele ohnehin regelmäßig länger arbeiten als vertraglich vereinbart. Die Reform käme also zu einem Zeitpunkt, an dem der Druck auf Arbeitnehmer bereits enorm ist.

Das Argument der Flexibilität klingt verlockend. Aber Flexibilität für wen ? Wer garantiert, dass Beschäftigte wirklich selbst entscheiden, wann sie mehr arbeiten — und nicht stillschweigend unter Druck gesetzt werden ? Diese Frage stellt auch Türmer : Eine Lockerung ohne starke Schutzmechanismen liefert Arbeitnehmer dem Ermessen ihrer Vorgesetzten aus.

Wie andere Länder das Problem lösen — und was Deutschland daraus lernen könnte

Statt einfach die Stundenzahl nach oben zu schrauben, gibt es Alternativen, die bereits erprobt sind. Island beispielsweise hat zwischen 2015 und 2019 in großem Maßstab die Vier-Tage-Woche getestet — mit gleicher Entlohnung und kürzeren Arbeitszeiten. Das Ergebnis : Produktivität blieb stabil oder stieg, das Wohlbefinden der Beschäftigten verbesserte sich deutlich.

Wer wirklich Flexibilität schaffen will, sollte Arbeitnehmer stärken — nicht Arbeitgeber entlasten. Konkret hieße das : Wahlarbeitszeit-Modelle, bei denen Beschäftigte selbst entscheiden, wann sie Stunden aufstocken oder reduzieren. Dazu braucht es aber starke Tarifverträge, unabhängige Kontrollen und eine Arbeitskultur, die Erholung nicht als Schwäche betrachtet.

Die Reform des Arbeitszeitgesetzes ist noch nicht beschlossen. Der Gesetzentwurf kommt im Juni. Bis dahin bleibt eine zentrale Frage offen : Werden echte Schutzgarantien für Arbeitnehmer eingebaut — oder bleibt „Flexibilität » nur ein Euphemismus für Mehrarbeit ohne Gegenwehr ?

Jonas
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