Rechtsextremismus in Sachsen-Anhalt : Sorgen wachsen

Uniformierte Soldaten stehen auf gepflastertem Marktplatz in historischer Stadt

41 Prozent. Diese Zahl lässt viele Menschen in Sachsen-Anhalt nicht schlafen. Laut einer aktuellen ZDF-Umfrage könnte die AfD am heutigen Wahltag fast doppelt so viele Stimmen wie 2021 einfahren, ein historischer Einschnitt, der weit über die Grenzen des Bundeslandes hinaus für Aufregung sorgt.

Ein Wahltag unter Spannung : Was heute in Sachsen-Anhalt auf dem Spiel steht

Rund 1,7 Millionen Wahlberechtigte sind seit 8 Uhr morgens aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Das Ergebnis dieser Landtagswahl könnte Geschichte schreiben, im schlechtesten Sinne des Wortes. Sollte die Alternative für Deutschland (AfD) tatsächlich die Mehrheit erringen, wäre das das erste Mal seit 1945, dass eine Partei mit eindeutig rechtsextremem Profil eine deutsche Region regieren würde.

Die Ausgangslage ist eindeutig : Die AfD führt die Umfragen mit rund 20 Punkten Vorsprung vor den Konservativen um Friedrich Merz. Dieser Abstand ist nicht nichts, er ist ein politisches Erdbeben in Zeitlupe. Trotzdem garantiert er noch keine absolute Mehrheit. Alles hängt davon ab, wie viele Parteien überhaupt den Sprung ins Landesparlament schaffen.

Was die AfD in Sachsen-Anhalt vertritt, ist kein gemäßigter Rechtspopulismus. Spitzenkandidat Ulrich Siegmund, 35 Jahre alt und ein geschickter Netzwerk-Aktivist in sozialen Medien, will die Migrationspolitik massiv verschärfen, die Schulpflicht abschaffen und die Geschichtslehrpläne umschreiben. Letzteres ist besonders brisant : Siegmund stört sich daran, dass die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im Unterricht zu viel Raum einnimmt. Das ist keine Randmeinung, das ist Programm.

Hinzu kommt : Die AfD bedient gezielt die Ostalgie vieler Sachsen-Anhalter, die sich gegenüber Westdeutschen oder Migranten benachteiligt fühlen. Diese Mischung aus Ressentiment und Nostalgie funktioniert erschreckend gut.

Die Sorgen der Bevölkerung : Mehr als nur Wahlangst

Am Samstag, einen Tag vor der Wahl, gingen in Magdeburg rund 6.000 Menschen auf die Straße. Die Landeshauptstadt erlebte eine ruhige, aber unmissverständliche Demonstration für ein „weltoffenes Sachsen-Anhalt ». Regenbogenfahnen, Schilder mit der Aufschrift „Ein besseres Leben ohne Nazis », die Botschaft war klar formuliert.

Laura Saalfeld, die gegenüber der Nachrichtenagentur AFP zu Wort kam, brachte die Stimmung vieler auf den Punkt : „Ich mache mir große Sorgen. Unabhängig vom Ergebnis wird sich die Atmosphäre unter den Menschen verändern. AfD-Anhänger werden sich auf der Straße offener zeigen. » Sie rechnet mit mehr Konflikten im Alltag, nicht erst nach der Wahl, sondern schon durch den Wahlkampf selbst.

Diese Befürchtungen sind nicht abstrakt. Die Polizei hat für das gesamte Wochenende Verstärkung nach Magdeburg geschickt. Die Behörden befürchten Ausschreitungen sowohl von rechts- als auch von linksextremer Seite, besonders nach Bekanntgabe der Ergebnisse. Das sagt viel über den Zustand der politischen Kultur in der Region aus.

Partei Umfragewert 2026 Ergebnis 2021
AfD ca. 41 % ca. 20,8 %
CDU ca. 21 % ca. 37,1 %
BSW ca. 8–10 % nicht angetreten
SPD ca. 7 % ca. 8,4 %

Besonders die ausländische Bevölkerung in Sachsen-Anhalt lebt in wachsender Unruhe. In einem Bundesland mit 2,1 Millionen Einwohnern und einer AfD, die offen migrationsfeindliche Positionen vertritt, ist diese Angst berechtigt, und sie verdient mehr als eine Fußnote in der Wahlberichterstattung.

Der Cordon sanitaire und die Frage, wie lange er hält

Bisher haben alle etablierten Parteien ausgeschlossen, mit der AfD zu koalieren. Dieses Prinzip des politischen Schutzzauns ist der einzige Mechanismus, der eine AfD-geführte Landesregierung derzeit noch verhindert. Dank dieser Brandmauer könnte der amtierende Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) im Amt bleiben, sofern genug Parteien ins Parlament einziehen, um eine stabile Koalition zu bilden.

Doch hier liegt ein echtes Risiko. Schafft eine Partei die Fünfprozenthürde nicht, steigen die Chancen der AfD auf eine absolute Mehrheit drastisch. Das Szenario ist mathematisch möglich, und politisch beängstigend.

Eine Ausnahme bei der Ächtung der AfD bildet das BSW, die prorussische Linkspartei-Abspaltung von Sahra Wagenknecht. Deren Mitglieder sind in dieser Frage gespalten. Manche schließen eine Zusammenarbeit mit der AfD nicht kategorisch aus, was die Lage weiter verkompliziert.

Drei Punkte aus dem AfD-Programm, die besonders polarisieren :

  • Abschaffung der Schulpflicht zugunsten eines „Bildungswahlrechts »
  • Drastische Einschränkung der Zuwanderung auf Bundeslands- und Landesebene
  • Neugestaltung der Geschichtslehrpläne mit weniger Fokus auf die NS-Zeit

Jeder dieser Punkte allein würde in anderen europäischen Ländern für massive Debatten sorgen. Zusammen bilden sie ein Programm, das mit den Grundsätzen der Nachkriegsdemokratie bricht.

Was diese Wahl über Ostdeutschland aussagt, und worüber wir reden müssen

Sachsen-Anhalt ist kein Sonderfall. Es ist ein Symptom. Die strukturelle Benachteiligung vieler ostdeutscher Regionen nach der Wiedervereinigung, die demografischen Verluste durch Abwanderung, das Gefühl, politisch nicht gehört zu werden, all das schafft einen Nährboden, den die AfD seit Jahren geschickt bearbeitet.

Frankreich, Schweden, Italien : Überall in Europa haben ähnliche Bewegungen von sozialen Frustrationen profitiert, die zu lange ignoriert wurden. Die Frage ist nicht mehr, warum Menschen die AfD wählen. Die Frage ist, was die demokratischen Parteien jetzt konkret ändern, um dieses Vertrauen zurückzugewinnen, nicht mit Symbolpolitik, sondern mit echten Antworten auf echte Probleme.

Wer heute Abend die ersten Hochrechnungen verfolgt, schaut nicht nur auf Sachsen-Anhalt. Er schaut auf die Zukunft der deutschen Demokratie.

Elena
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