Hungerstein in Deutschland : Dürre enthüllt alte Steine

Historischer Hungerstein am Flussufer mit Jahreszahlen eingraviert

79 Zentimeter. Das war der Pegelstand der Elbe bei Pirna am vergangenen Wochenende, weniger als die Hälfte des Normalwerts von rund 1,40 Meter. Diese Zahl sagt mehr als jede Beschreibung. Die Dürre 2026 hat Deutschland mit voller Wucht getroffen, und die Flüsse erzählen gerade Geschichten, die seit Jahrzehnten unter Wasser begraben lagen.

Was sind Hungersteine und warum tauchen sie jetzt auf ?

Im Elbsandsteingebirge bei Pirna, unweit von Dresden, liegt ein Felsblock von drei mal fünf Metern, trocken, rau, beschriftet. Normalerweise liegt dieser Stein vollständig unter Wasser. Nur bei extremem Niedrigwasser taucht er auf. Jan-Michael Lange, Geologe und ausgewiesener Fachmann für diese Felsformationen, kennt diesen Anblick. Und trotzdem : „Es ist wirklich beeindruckend, diesen riesigen Block hier in der Elbe so bloßgelegt zu sehen », sagt er. „Normalerweise würde man ihn überhaupt nicht sehen. »

Diese Steine tragen einen Namen, der schwer wiegt : Hungersteine. Auf Deutsch ist die Bedeutung eindeutig. Wenn ein solcher Stein aus dem Wasser ragte, wussten die Menschen früherer Jahrhunderte, was folgen würde. Kein Wasser im Fluss bedeutete keine Ernte, keinen Fischfang, keine Schifffahrt, und damit Hunger. Der Name ist also kein poetisches Bild, sondern eine nüchterne historische Warnung.

Die Elbe eignet sich besonders gut für diese Art von Gedächtnisträgern. Petra Walther, Hydrologin beim Sächsischen Landesamt für Umwelt und Landwirtschaft, erklärt den Grund : Der Sandstein der Region lässt sich leicht bearbeiten. Generationen von Menschen haben deshalb die Jahreszahlen schlimmster Dürren direkt in die Felsen eingraviert, eine Art kollektives Archiv aus Stein.

Lange und Walther haben gemeinsam rund hundert dieser Steine entlang der Elbe kartiert. Der älteste noch lesbare Eintrag stammt aus dem Jahr 1707. Für 2015 und 2018 sind die Inschriften deutlich sichtbar. Was fehlt : der Eintrag für 2026. „Den hat noch niemand gemacht », stellt Lange fest, mit einer Sachlichkeit, die nachdenklich stimmt.

Dürrechronik der Elbe : ein Steinarchiv mit erschreckender Aktualität

Um zu verstehen, wie außergewöhnlich die aktuelle Situation ist, lohnt ein Blick auf die Zeitachse der Hungersteine :

Jahr Pegelstand / Bemerkung Inschrift sichtbar ?
1707 Erste bekannte Inschrift am Elbe-Hungerstein Ja, mit bloßem Auge lesbar
2015 Extremes Niedrigwasser, wirtschaftliche Folgen Ja
2018 Historische Dürre, Rhein und Elbe stark betroffen Ja
2026 Pirna : nur 79 cm Pegelstand (Normalwert : ~140 cm) Noch nicht graviert

Was diese Tabelle zeigt, ist beunruhigend : Die Abstände zwischen den eingravierten Jahren werden kürzer. 2015, 2018, 2026, das sind keine Zufälle mehr, das ist ein Muster. Der Klimawandel beschleunigt die Häufigkeit solcher Extremereignisse, und die Hungersteine werden zu unfreiwilligen Zeugen dieser Entwicklung.

Walther betont, wie eng die Bevölkerung früher mit dem Rhythmus des Flusses verbunden war. Die Menschen lebten buchstäblich nach dem Pegelstand. Folgen eines Trockenjahres trafen alle gleichzeitig :

  • Die Getreideernte fiel aus, weil Bewässerung und Transport fehlten.
  • Die Fischbestände brachen zusammen, zu wenig Wasser, zu wenig Sauerstoff.
  • Die Flussschifffahrt, damals wichtigste Handelsader, kam zum Stillstand.
  • Die Versorgung ganzer Regionen geriet ins Wanken.

Heute sind die unmittelbaren Überlebensfragen andere. Aber Walther weist darauf hin, dass das Bewusstsein für die Wasserknappheit erst dann wächst, wenn es wirklich wehtut : „Wenn der Wasserhahn abgedreht wird, oder wenn Einschränkungen kommen, dann rückt das Thema ins Blickfeld. » Die Hungersteine allein reichen offenbar nicht, um die nötige Sensibilisierung auszulösen.

Sensibilisierung durch Stein ? Warum das Symbol allein nicht reicht

Lange spricht offen aus, was viele Wissenschaftler hinter vorgehaltener Hand sagen : „Ich bin wirklich nicht sicher, ob diese Hungersteine die Menschen für das Thema sensibilisieren. » Das ist keine Kapitulation vor dem Problem, sondern eine ehrliche Einschätzung. Ein Stein, der auftaucht, ist für Passanten ein Spektakel. Eine Wasserrechnung, die sich verdoppelt, ist ein Schock.

Dabei liefert die Dürre 2026 auch andere, drastischere Bilder. In deutschen Flüssen kommen neben den Hungersteinen auch Wracks aus dem Zweiten Weltkrieg ans Tageslicht, Überreste versunkener Kriegsschiffe, teils mit Skeletten. Die Trockenheit macht Vergrabenes sichtbar, buchstäblich und historisch.

Für Lange und Walther bleibt die wissenschaftliche Arbeit dennoch unverzichtbar. Die Kartierung aller Elbe-Hungersteine ist mehr als ein Archivprojekt : Sie schafft eine Vergleichsgrundlage, um zukünftige Extremereignisse besser einordnen zu können. Wenn in zwanzig Jahren die nächste Generation auf die Inschrift „2026″ schaut, wird sie verstehen, wie oft und wie schnell solche Ereignisse inzwischen folgen.

Selbst ein leichter Regen, wie er zuletzt über Pirna fiel, ändert nichts an der Grundsituation. Lange ist da unmissverständlich : Die aktuellen Niederschläge reichen nicht aus. Es wird Zeit brauchen, bis der Pegel der Elbe wieder normale Werte erreicht. Der Hungerstein von Pirna bleibt noch sichtbar, und mit ihm die offene Frage, wer 2026 seinen Namen endlich in den Sandstein meißeln wird.

Jonas
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