Deutschlands Rüstungsaufbau : Angst vor Nazi-Vergleichen

Männer in Anzügen besprechen Baupläne an Tisch

Nur 14 % der 18- bis 28-Jährigen in Deutschland erklären sich bereit, in der Bundeswehr zu dienen. Diese Zahl aus einer Dezember-2025-Umfrage des DeZIM-Instituts sagt alles über den Widerspruch, dem sich Berlin gerade gegenübersieht : Eine Nation, die die größte konventionelle Armee Europas aufbauen will, kämpft mit einer Gesellschaft, die das Wort „Krieg » reflexartig mit 1939 verbindet.

Zwischen Ambitionen und historischer Last

Bundeskanzler Friedrich Merz hat das Ziel klar formuliert : Deutschland soll die stärkste Militärmacht des europäischen Kontinents werden. Vor dem Hintergrund des anhaltenden Krieges in der Ukraine und einer zunehmend instabilen Weltlage klingt das für viele nach strategischer Vernunft. Für andere klingt es wie ein Alarmzeichen.

Die Bundeswehr wurde nach 1945 bewusst anders konzipiert als jede Armee vor ihr. Das Leitbild des Staatsbürger in Uniform, bereits ab 1952 verankert, sollte den deutschen Soldaten grundlegend neu definieren : Staatsbürger zuerst, Soldat danach. Zivilerziehung, demokratische Pflichten, das ausdrückliche Recht, einen unmoralischen Befehl zu verweigern – all das war gewollt, notwendig, historisch begründet. Die Bundeswehr nahm jahrzehntelang fast ausschließlich an Friedens- und humanitären Missionen teil, weit entfernt von preußischen Eroberungsträumen.

Doch genau dieses Modell steht heute unter Beschuss – nicht von außen, sondern von innen. Der Berliner Militärhistoriker Sönke Neitzel argumentiert in seinem mehrfach neu aufgelegten Werk Deutsche Krieger (erstmals 2020), die Bundeswehr habe ihre Soldaten zu stark „zivilisiert und moralisiert ». Sein Vorschlag : weg vom Staatsbürger in Uniform, hin zum Demokratischen Krieger, der die preußische Kriegskultur wieder annimmt, sie aber demokratisch einbettet. Für Neitzel ist die Gleichung einfach – wer keine Krieger ausbildet, findet keine Rekruten.

Konzept Entstehung Schwerpunkt Kritik
Staatsbürger in Uniform 1952 Demokratische Werte, zivile Bildung Zu wenig Kampfkultur, schwache Rekrutierung
Demokratischer Krieger 2020 (Neitzel) Kriegerische Tradition, demokratischer Rahmen Historische Parallelen, Militarismusvorwurf

Die Rekrutierungskrise und die Frage der Kampfbereitschaft

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Die Bundeswehr verfehlt ihr jährliches Ziel von 20.000 freiwilligen Rekruten regelmäßig. Parallel dazu zeigen Umfragen, dass nur 23 % der deutschen Bevölkerung bereit wären, persönlich Militärdienst zu leisten oder sich als Berufssoldat zu verpflichten. Gesellschaftlich ist die Lücke zwischen dem politischen Anspruch und der gelebten Bereitschaft enorm.

Wer in Berlin mit jungen Menschen spricht, bekommt ein differenziertes Bild. Bill, Student in Berlin, winkt ab : „Die Alten sind immer bereit, uns in den Krieg zu schicken, nach 70 Jahren Frieden. » Er zweifelt ohnehin an der Bedrohungslage – die Russen kämpften um jeden Quadratkilometer in der Ukraine, ein Vorstoß nach Berlin sei keine ernsthafte Gefahr. Merz’ Pläne hält er für Rhetorik.

Ganz anders denkt Franz (Name geändert), ein freiwilliger Soldat. Für ihn ist die historische Schuldlast fehl am Platz : Hitler starb 1945, seine Großeltern wurden danach geboren. Der eigentliche Militarismus, so seine Überzeugung, zeige sich heute in Russland – mit Verbrechen in der Ukraine, die er offen benennt. „Mit Grundrechten und Verfassungsappellen verteidigt man sich nicht gegen einen Angriff », sagt er direkt. Das ist keine bequeme Aussage. Aber sie stellt eine Frage, die Deutschland nicht mehr ignorieren kann.

  • Freiwilligendienst verfehlt jährlich das Ziel von 20.000 Rekruten
  • Nur 14 % der 18–28-Jährigen sind laut DeZIM-Institut (Dezember 2025) zur Wehrpflicht bereit
  • Interne Bundeswehr-Dokumente von Juli 2024 betonten „militärische Exzellenz » – und lösten heftige Kritik aus
  • Deutschland verzeichnete 2025 nur 0,2 % Wirtschaftswachstum nach zwei Rezessionsjahren

Das Dilemma des deutschen Sonderwegs in der Aufrüstung

Im Juli 2024 versendete das Verteidigungsministerium interne Richtlinien, die den Fokus auf „militärische Exzellenz » lenkten – statt auf die gesellschaftliche Integration der Streitkräfte. Die Reaktion war vorhersehbar : Pazifisten und linke Kreise schlugen Alarm, sahen Parallelen zur NS-Propaganda. Der Text wurde stark abgeschwächt. Das Beispiel zeigt, wie eng der Spielraum bleibt, sobald militärische Sprache den Hauch traditioneller Kriegskultur trägt.

Hannah, 34, Friedensaktivistin, formuliert die Angst vieler : Deutschland entstand 1870 durch Krieg, was 1914 und dann das Grauen von 1939 nach sich zog. Diesen Kreislauf habe man gebrochen. Warum ihn neu riskieren ? Ihre Position ist historisch nachvollziehbar, auch wenn sie manchen heute anachronistisch erscheint.

Dazu kommt ein praktisches Problem : Womit soll Deutschland überhaupt aufrüsten ? Keine eigenen Kampfflugzeuge, keine nuklearen Kapazitäten, kein Flugzeugträger. Die Rüstungsindustrie läuft zwar auf Hochtouren, aber Lieferzeiten bleiben lang. Sofia, eine Rentnerin in den Sechzigern, bringt es auf den Punkt : „Was können wir Europa anbieten, außer Soldaten ? » Sie hofft auf echte europäische Rüstungskooperation – gemeinsam entwickeln, gemeinsam beschaffen, gemeinsam schützen.

Nicht wenige teilen einen Mittelweg : Deutschland soll Polen und die Ukraine mit Material unterstützen – Panzer, Raketen, Ausrüstung – ohne eigene Truppen in Gefechtszonen zu schicken. Bill etwa würde einer Sondersteuer für Rüstungsausgaben zustimmen, aber nicht auf dem Schlachtfeld sterben. Diese Haltung ist ehrlich. Sie zeigt aber auch, wo der eigentliche Riss verläuft : nicht zwischen Pazifisten und Kriegstreibern, sondern zwischen denen, die zahlen wollen, und denen, die kämpfen sollen.

Die entscheidende Frage für Berlin lautet daher nicht, ob man aufrüsten will, sondern wer diese Armee trägt – und welche Werte sie verkörpert. Solange diese Antwort ausbleibt, bleibt das Großziel des Kanzlers ein politisches Versprechen ohne Fundament.

Elena
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