Deutschlands Gasspeicher : Industrie in Gefahr

Arbeiter in Schutzkleidung an Öl-Raffinerie mit Lagertanks

51,5 %, das ist der Füllstand der deutschen Gasspeicher am 25. August 2026. Zum Vergleich : Vor genau einem Jahr waren es rund 69 %. Dieses Defizit von fast 18 Prozentpunkten ist kein bloßes Statistikproblem. Es gefährdet die Versorgungssicherheit eines ganzen Kontinents, denn Deutschland betreibt die größten Gasspeicherkapazitäten in Europa.

Deutschlands Gasspeicher laufen dem Ziel hinterher

Das gesetzliche Füllziel ist klar definiert : 70 % bis zum 1. November 2026. Doch nach aktuellem Einspeisetempo wird dieses Ziel verfehlt. Sebastian Heinermann, Geschäftsführer des Verbands der deutschen Gasspeicherbetreiber INES, sagte gegenüber Euronews Business unmissverständlich : „Wenn die Einspeisungen im bisherigen Tempo weiterlaufen, wird Deutschland die gesetzlich vorgeschriebene Füllpflicht nicht erfüllen. » Das ist kein politisches Statement, sondern eine nüchterne Einschätzung des Mannes, der das Speichergeschäft in- und auswendig kennt.

Warum hakt es ? Der Grund liegt auf dem Markt. Normalerweise kaufen Händler Erdgas im Sommer günstig ein, lagern es und verkaufen es im Winter teuer weiter. Dieses klassische Sommer-Winter-Arbitragegeschäft funktioniert nur, wenn die Preisschere groß genug ist. Genau das ist 2026 nicht der Fall. Der europäische Referenzpreis, der niederländische TTF-Kontrakt für den Folgemonat, lag am letzten Freitag bei rund 69 € pro Megawattstunde, gegenüber etwa 29 € zu Jahresbeginn. Der Konflikt in Iran hat die Weltmarktpreise nach oben getrieben und das Speichergeschäft damit wirtschaftlich unattraktiv gemacht.

Uniper, einer der größten deutschen Gasversorger und bedeutender Händler, bestätigte gegenüber Euronews Business : Die Preisdifferenzen zwischen Sommer und Winter sind schlicht nicht groß genug, um zusätzliche Einspeisungen rentabel zu machen. SEFE, das staatliche Energieunternehmen, verweist auf eine Analyse des BDEW, wonach das 70-%-Ziel mit einer durchschnittlichen Einspeisung von 0,75 TWh pro Tag noch erreichbar wäre. RWE Gas Storage West teilt diese Einschätzung. Das Bundeswirtschaftsministerium betonte seinerseits, eine akute Gasmangellage sei für den kommenden Winter nicht zu erwarten.

Trotzdem fehlen laut Heinermann im Vergleich zum Vorjahr rund 45 TWh in den deutschen Speichern, grob gesagt die gesamte Speicherkapazität Tschechiens. Und obwohl rund 78 % der verfügbaren Kapazitäten bereits reserviert sind, bedeutet das noch lange keine tatsächliche Befüllung. Händler halten sich das Recht vor, den Speicherplatz zu nutzen, sind aber nicht dazu verpflichtet. Der Teufel steckt im Detail.

Industrie und Pharma in der Schusslinie bei kaltem Winter

Solange der Winter mild bleibt, bleibt das Defizit beherrschbar. Deutschland kann auf Erdgaslieferungen aus Norwegen, auf LNG-Terminals und auf Importe aus den Nachbarländern zurückgreifen. Das Bundesministerium für Wirtschaft hält Füllstände zwischen 60 % und 70 % zu Winterbeginn kombiniert mit diesen Importquellen für ausreichend, um einen Durchschnittswinter zu überstehen.

Das eigentliche Risiko liegt woanders : ein außergewöhnlich kalter Winter. Heinermann formuliert es direkt : Wenn zu niedrigen Füllständen ein harter Frost hinzukommt, könnte Deutschland den normalen Gasverbrauch nicht mehr vollständig decken. Dann steigen die Preise auf ein Niveau, das industrielle Verbraucher nicht mehr tragen können, mit der Folge von Produktionsdrosselungen und erheblichem wirtschaftlichem Schaden.

VNG, der drittgrößte Gasspeicherbetreiber des Landes, sieht das Höchstrisiko im gleichzeitigen Auftreten mehrerer Faktoren :

  • Niedrige Speicherstände zu Winterbeginn
  • Außergewöhnlich anhaltende Kälteperioden
  • Störungen bei LNG-Lieferungen oder Pipeline-Importen

Die Pharmaindustrie schlägt Alarm. Ein Sprecher des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI) erklärte der Pharmazeutischen Zeitung, viele pharmazeutische Produktionsprozesse seien gasabhängig und lassen sich kurzfristig weder abschalten noch auf andere Energieträger umstellen. Noch deutlicher wird Thilo Brodtmann, Hauptgeschäftsführer des Maschinenbauverbands VDMA : „Eine physische Gasknappheit oder ein massiver Preisanstieg wären eine ernste Bedrohung für die Industrie. » Das sind keine Panikmacher, das sind Verbandsvertreter, die Zahlen kennen.

Indikator August 2025 August 2026
Speicherfüllstand Deutschland ~69 % ~51,5 %
TTF-Gaspreis (€/MWh) ~29 € ~69 €
Gesetzliches Füllziel (1. November) 70 % 70 %
Fehlende Gasmenge vs. Vorjahr ~45 TWh

Auch die Niederlande stehen nicht besser da : Gasunie, der staatliche Netzbetreiber, warnte ebenfalls, das nationale Füllziel womöglich zu verfehlen. Das unterstreicht, dass das Problem keineswegs auf Deutschland beschränkt ist, aber eben auch, dass Deutschland als größter Speicherstandort Europas den Ausschlag gibt.

Welche Hebel Deutschland jetzt ziehen könnte

Für INES-Chef Heinermann führt kein Weg daran vorbei, die wirtschaftlichen Anreize für Einspeisungen zu verbessern. Konkret schlägt er vor, Netzentgelte für Speichertransporte sowie die Gasumwandlungsabgabe zu streichen. Das würde die Kosten für Händler senken und Einspeisungen wieder rentabler machen. Zusätzlich könnten vereinfachte Verwaltungsverfahren weitere Kosten herausdrücken.

Wenn Händler gebuchte Kapazitäten nicht nutzen und Deutschland sein Füllziel zu verfehlen droht, müssen ungenutzte Kapazitäten an Trading Hub Europe (THE) übergeben werden. Mit staatlicher Genehmigung kann THE dann Ausschreibungen starten, um zusätzliche Gasmengen zu sichern. VNG bringt einen weiteren Ansatz ins Spiel : Der Staat könnte Energieunternehmen dafür bezahlen, dass sie im Krisenfall vereinbarte Gasmengen bereitstellen. Diese Unternehmen würden miteinander konkurrieren, was laut VNG günstiger für Steuerzahler wäre als direkte staatliche Gaskäufe.

Strategisch plant Deutschland ab der Speicherperiode 2027/2028 eine staatlich kontrollierte Gasreserve von etwa 24 TWh, rund 10 % der nationalen Speicherkapazität. Die gesetzliche Grundlage dafür fehlt allerdings noch. Wer also glaubt, dieses Sicherheitsnetz greife schon im Winter 2026/2027, liegt falsch. Für den kommenden Winter zählen allein kurzfristige Marktanreize und das Zusammenspiel aller Importquellen, und das Wetter.

hanna
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