Die französische Industriepolitik steht am Scheideweg, während Deutschland seine energieintensiven Betriebe durch massive Subventionen schützt. Berlin plant, seinen Industrieunternehmen zwischen 2026 und 2028 einen Strompreis von etwa 5 Cent pro Kilowattstunde zu garantieren. Diese Maßnahme kostet den deutschen Staat jährlich zwischen 3 und 5 Milliarden Euro, wurde aber von allen maßgeblichen politischen Kräften unterstützt.
Paris hingegen verharrt in einer gefährlichen Passivität. Die französischen Produktionsstätten zahlen zwischen 70 und 110 Euro pro Megawattstunde, während ihre deutschen Wettbewerber deutlich niedrigere Tarife erhalten. Für ein Werk mit einem Verbrauch von 500 Gigawattstunden bedeutet dies Mehrkosten von bis zu 45 Millionen Euro jährlich. Diese Diskrepanz gefährdet nicht nur einzelne Unternehmen, sondern die gesamte französische Wirtschaftssouveränität.
Der europäische Strommarkt als wirtschaftliche Falle
Das europäische System zur Preisfestlegung erweist sich als strukturelles Problem für Frankreichs Wirtschaft. Der Mechanismus orientiert sich am teuersten Grenzkraftwerk, meist einem deutschen Gaskraftwerk, obwohl Frankreich über einen kostengünstigen Kernkraftwerkspark verfügt. Diese Regelung wurde maßgeblich von Deutschland beeinflusst, das nun seine eigenen Regeln umgeht.
Der französische Staat hat diese Entwicklung hingenommen, ohne die strategischen Interessen des Landes zu verteidigen. Die Regierung klammert sich an die europäischen Marktregeln, während Berlin pragmatisch handelt und seine Industrie durch Steuersenkungen und Netzsubventionen entlastet. Deutschland erreicht damit einen Nettostrompreis von etwa 50 Euro pro Megawattstunde für seine Unternehmen.
Die Entscheidung der deutschen Regierungskoalition vom 13. November 2025 markiert einen Wendepunkt. Friedrich Merz von der CDU verkündete, dass die Gespräche mit der Europäischen Kommission weitgehend abgeschlossen seien. Alle relevanten politischen Akteure, von Markus Söder bis Lars Klingbeil, unterstützen diese industriefreundliche Ausrichtung. Frankreich reagiert darauf mit Schweigen.
| Kriterium | Deutschland | Frankreich |
|---|---|---|
| Strompreis Industrie (€/MWh) | ~50 | 70-110 |
| Jährliche Subventionen | 3-5 Milliarden € | Keine vergleichbare Maßnahme |
| Mehrkosten 500 GWh-Werk | ~25 Millionen € | ~45 Millionen € |
Selbstzerstörung durch ideologische Energiepolitik
Die französische Energiepolitik der letzten Jahrzehnte gleicht einer Selbstsabotage. Die Schließung von Fessenheim unter deutschem Druck, das Aus für Superphénix und Astrid, sowie die Bevorzugung unsteter erneuerbarer Energien haben die natürlichen Vorteile des Landes zunichte gemacht. Das nuklear produzierte Stromvolumen hätte Frankreich einen erheblichen Wettbewerbsvorteil verschaffen können.
Stattdessen folgte Paris blind dem deutschen Weg der Energiewende. Die ARENH-Regelung führte zu einer Verramschung der Kernkraftproduktion, während die sukzessiven Programmplanungen die Atomenergie systematisch schwächten. Die Integration nicht steuerbarer Energiequellen belastete das System zusätzlich, ohne die Versorgungssicherheit zu verbessern.
Die Mehrfachbelastung der französischen Verbraucher erfolgt durch verschiedene Mechanismen :
- Erhöhte Verbrauchssteuern auf Elektrizität
- TURPE-Gebühren für die Netznutzung
- Vielfältige Abgaben zur Finanzierung erneuerbarer Energien
- Zusätzliche Steuern, die 2023, 2024 und 2025 beschlossen wurden
- Subventionierung intermittierender Energiequellen über die Stromrechnung
Diese kumulative Belastung trifft besonders energieintensive Branchen. Stahlwerke, chemische Betriebe, Aluminiumhersteller und Rechenzentren leiden unter der Kostenstruktur. Die Wettbewerbsfähigkeit schwindet, während deutsche Konkurrenten von staatlicher Unterstützung profitieren. Die Produktionsverlagerung ist keine abstrakte Gefahr mehr, sondern bereits Realität in mehreren Sektoren.
Deutschlands strategischer Pragmatismus
Berlin demonstriert, wie Industriepolitik im nationalen Interesse funktioniert. Nach Jahren, in denen Deutschland das europäische Marktmodell durchsetzte, befreit sich das Land nun praktisch davon. Die Bundesregierung nutzt den Rahmen für Staatsbeihilfen in Krisenzeiten, um ihrer Wirtschaft massive Vorteile zu verschaffen. Diese Praxis widerspricht dem Gleichheitsgrundsatz eines einheitlichen Marktes.
Die deutschen Meldungen an die Generaldirektion Wettbewerb der Europäischen Kommission in den Jahren 2023 und 2024, gefolgt vom Strompreispaket, stellen eine offizielle Umgehung des gemeinsamen Marktes dar. Frankreich hat diese Entwicklung nicht übersehen, sondern aus Naivität hingenommen. Was als europäische Solidarität verkauft wurde, entpuppt sich als Verzicht auf Souveränität.
Deutschland plant zudem, seine Gasimporte deutlich zu erhöhen, insbesondere aus Algerien. Dies geschieht parallel zur Subventionierung der heimischen Industrie. Berlin hat sogar rechtliche Schritte gegen Polen erwogen, weil das Land Kernenergie statt Kohle bevorzugte. Diese Doppelmoral bleibt in Paris ohne Konsequenzen. Die französischen Abgeordneten im Europaparlament stimmten unrealistischen Regelungen zu, während sie die deutschen Staatsbeihilfen passierten.
Handlungsoptionen für nationale Souveränität
Frankreich muss sich vom europäischen Preisfestsetzungssystem lösen. Spanien und Portugal haben während der Gaskrise bewiesen, dass ein Ausstieg in wenigen Wochen möglich ist. Die Entscheidung ist rein politisch, nicht technisch. Ein souveräner Strompreis, der dem französischen Erzeugungsmix entspricht, würde die Haushalte um 25 Prozent entlasten und die Industrie retten.
Die Alternative wäre ein Programm, das auf vier Prinzipien beruht : sofortiger Ausstieg aus dem deutsch-europäischen Korsett, vollständiger Stopp der Subventionen für intermittierende Energien, Überprüfung bestehender Verträge und Priorisierung von Kernkraft sowie Wasserkraft. Diese Maßnahmen würden die strukturellen Ursachen der Energiekrise beseitigen, nicht nur deren Symptome bekämpfen.
Die geplante dritte Mehrjahresprogrammierung droht, unter Lobbydruck entschieden zu werden, ohne die veränderten Spielregeln zu berücksichtigen. Es geht längst nicht mehr um Ökologie, sondern um wirtschaftliches Überleben und nationale Selbstbestimmung. Die Frage lautet, ob französische Entscheidungsträger ihre Bürger schützen wie Deutschland die seinen, oder ob sie vor der Geschichte eine radikale Missachtung nationaler Interessen verantworten müssen.



