AfD in Ostdeutschland : Remigration, Natalismus und sexuelle Devianz im Fokus

Gruppe von Menschen sitzt in moderner Halle, Mann spricht am Podium

40 Prozent Zustimmung in Sachsen-Anhalt – diese Zahl allein sagt viel über den Zustand der deutschen Parteienlandschaft aus. Die AfD hat sich im Osten Deutschlands nicht nur etabliert, sie dominiert. Und ihr aktuelles Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt, rund 156 Seiten stark, zeigt deutlich, wohin die Reise gehen soll.

Ein Programm, das keine Grenzen kennt : Remigration als Staatsziel

Das Dokument fordert den „sofortigen Aufnahmestopp für Nicht-EU-Ausländer » und die vollständige Abschaffung des Grundrechts auf Asyl – obwohl dieses im deutschen Grundgesetz verankert ist. Das ist keine Kleinigkeit. Es handelt sich um einen direkten Angriff auf die Verfassungsordnung der Bundesrepublik. Die Partei plant nach eigenen Angaben, nach einem Wahlsieg sogenannte „Task Forces » einzurichten, die Massenabschiebungen koordinieren sollen.

Besonders aufschlussreich ist der Umgang mit ukrainischen Flüchtlingen. Diese sollen ihren Status als vorübergehend Schutzberechtigte verlieren, als bloße „Kriegsflüchtlinge » eingestuft werden und keinen Anspruch mehr auf Sozialleistungen haben. Gleichzeitig – und das ist kein Zufall – bekennt sich die AfD offen dazu, die Gaslieferungen aus Russland wiederaufnehmen zu wollen und das zu bekämpfen, was sie als „antirussische Propaganda » in den Medien bezeichnet. Die Nähe zum Kreml ist kein Subtext mehr, sie steht im Programm.

Ulrich Siegmund, 35 Jahre alt und AfD-Spitzenkandidat für das Amt des Ministerpräsidenten, präsentierte diese Positionen vor rund 250 Delegierten im Kongresspalast in Magdeburg. Draußen protestierten Hunderte. Drinnen wurde das Programm angenommen. Siegmund selbst erklärte öffentlich : „Wir können es alleine schaffen und die absolute Mehrheit holen. » Alle anderen Parteien haben eine Koalition mit der AfD ausgeschlossen – die Partei hat also tatsächlich keine andere Wahl, als alleine zu regieren oder gar nicht.

Partei Umfragewerte (Sachsen-Anhalt 2026)
AfD ~40 %
CDU 25–26 %
Andere Parteien unter 15 %

Natalismus, Sexualmoral und das Bild der „deutschen Familie »

Neben der Migrationspolitik hat die AfD in Sachsen-Anhalt ein zweites ideologisches Schlachtfeld eröffnet : die Bevölkerungspolitik. Das Programm spricht offen davon, das „Aussterben des deutschen Volkes » verhindern zu wollen. Diese Formulierung entstammt direkt der Verschwörungstheorie des „Großen Austauschs », die in rechtsextremen Kreisen weltweit kursiert.

Als Ursache für sinkende Geburtenraten benennt das Dokument „sexuelle Devianz und nicht reproduktive Lebensweisen ». Gemeint ist damit unmissverständlich die LGBTQ+-Gemeinschaft. Das ist keine zufällige Wortwahl – es ist eine politische Botschaft. Der Natalismus der AfD richtet sich nicht nur für etwas, nämlich die „traditionelle Familie », sondern explizit gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen.

Die konkreten Maßnahmen umfassen unter anderem :

  • Einschränkung des Zugangs zur Abtreibung
  • Einführung einer Geburtsprämie
  • Kostenlose Krippenplätze
  • Lokale Familienzulagen und zinsgünstige Darlehen für junge Familien

Manche dieser Forderungen klingen auf den ersten Blick sozial. Wer genauer hinschaut, erkennt das dahinterliegende Muster : Familienförderung als ethnisches Projekt, nicht als universelles Sozialrecht.

Schulen als ideologische Kampfzone

Bildung ist Ländersache – und genau deshalb ist dieser Bereich für eine AfD-Landesregierung so attraktiv. Das Programm sieht vor, Regenbogenfahnen aus Schulen zu verbannen. Stattdessen sollen Schülerinnen und Schüler jeden Morgen die deutsche Nationalflagge hissen. Finanzierungen für antirassistische Programme sollen gestrichen und durch „Selbstverteidigungskurse » ersetzt werden.

Noch brisanter ist der geplante Umgang mit der NS-Geschichte. Schulbücher, die laut AfD ein „Schuldkomplex-Narrativ » gegenüber dem Nationalsozialismus reproduzieren, sollen durch neue Werke ersetzt werden – Werke, die stattdessen die „Geburt des deutschen Kaiserreichs im 19. Jahrhundert » glorifizieren. Das ist keine Bildungsreform, das ist Geschichtsrevisionismus.

Eva von Angern, Fraktionsvorsitzende der Linken im Landtag Sachsen-Anhalt, hat diese Agenda bereits als „Albtraum-Szenario für Sachsen-Anhalt und unsere Demokratie » bezeichnet – ein Zitat, das die BBC aufgegriffen hat. Sie wirft der AfD vor, einen autoritären Staat aufbauen zu wollen, und spricht von „inhumanen Allmachtsfantasien ». Ihre Warnung ist direkt : Die Bevölkerung müsse sich der „sehr negativen persönlichen Konsequenzen » bewusst sein, die eine AfD-Regierung mit sich brächte.

Gleichzeitig plant die Partei, öffentliche Fördergelder für das zu streichen, was sie als „anti-deutschen Kunst- und Kulturbetrieb » bezeichnet. Die Parallele zur NS-Kategorie der „entarteten Kunst » drängt sich auf – und sie ist wohl kaum unbeabsichtigt.

Was bleibt, wenn die Wahlkampfrhetorik Wirklichkeit wird

Viele der Forderungen im AfD-Programm sind bundesrechtlich oder verfassungsrechtlich nicht umsetzbar. Das stimmt. Aber wer glaubt, das mache sie harmlos, unterschätzt die Dynamik politischer Normverschiebung. Was heute als radikale Wahlkampfforderung gilt, kann morgen den Rahmen des Diskutierbaren verschieben.

Bei den Bundestagswahlen 2025 erzielte die AfD in Sachsen-Anhalt bereits 38,8 Prozent – ein Ergebnis, das zeigt, wie fest die Partei in der Wählerschaft verankert ist. Bildung, Polizei und Verfassungsschutz auf Landesebene – das sind die realen Hebel, die eine AfD-Regierung tatsächlich bedienen könnte. Wer die Schulen kontrolliert, formt die nächste Generation. Wer den Verfassungsschutz leitet, entscheidet, was als Bedrohung gilt.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob alle 156 Seiten Programm juristisch wasserdicht sind. Die Frage ist, welche Teile davon – auch ohne Gesetz – durch administrative Praxis, durch Personalentscheidungen, durch den alltäglichen Druck auf Institutionen – Wirklichkeit werden könnten. Das sollte jeden Wähler in Sachsen-Anhalt beschäftigen, lange bevor der 6. September kommt.

Jonas
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