850 Tomahawk-Raketen in wenigen Wochen verschossen, ein Viertel des amerikanischen Bestands weg. Diese eine Zahl vom Center for Strategic and International Studies (CSIS) reicht aus, um zu verstehen, warum Berlin gerade fieberhaft nach Alternativen sucht. Deutschland steht vor einer verteidigungspolitischen Weichenstellung, die weit über Beschaffungsfragen hinausgeht.
Warum Deutschland jetzt israelische und ukrainische Rüstungslieferanten unter die Lupe nimmt
Das Bundesverteidigungsministerium hat intern Optionen geprüft, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären : Marschflugkörper aus der Ukraine und eine israelisch-amerikanische Start-up-Firma als potenzielle Hauptlieferanten für die Bundeswehr. Das Fachmedium Politico hat entsprechende interne Dokumente ausgewertet und konkrete Namen genannt.
Auf der Liste steht zunächst Covenant, eine 2024 gegründete israelisch-amerikanische Start-up, die laut Politico plant, « ein souveränes europäisches Versorgungsökosystem und Produktionslinien in Deutschland und Großbritannien aufzubauen ». Für das Beschaffungsamt klingt das attraktiv, denn es verspricht langfristige Unabhängigkeit vom transatlantischen Lieferanten.
Daneben tauchen zwei ukrainische Unternehmen in den Planungsunterlagen auf. Das erste ist Fire Point, Entwickler des Systems « Flamingo ». Das zweite, namentlich unbekannt, fertigt den reaktionsgetriebenen Drohnenflugkörper mittlerer Reichweite namens « Bars ». Beide Systeme werden bereits aktiv im Krieg gegen Russland eingesetzt. Das ist kein Labor-Prototyp, das ist Kampferfahrung in Echtzeit, und genau das macht den Unterschied.
Für mich ist das ein klares Signal : Die Ukraine hat in zwei Jahren Krieg mehr Entwicklungssprints in der Rüstungsindustrie absolviert als manche NATO-Mitglieder in zwei Jahrzehnten. Berlin erkennt das an, und das ist richtig so.
Trumps Rückzug und das Tomahawk-Dilemma : Was hinter dem deutschen Kurswechsel steckt
Der direkte Auslöser für Deutschlands neue Beschaffungsstrategie liegt in Washington. Donald Trump hat die Entscheidung getroffen, eine US-Einheit mit Tomahawk-Raketen nicht mehr in Deutschland zu stationieren, obwohl diese Vereinbarung noch unter Präsident Joe Biden beim NATO-Gipfel 2024 getroffen worden war. Ein klarer Vertrauensbruch, der in Berlin nicht unbemerkt geblieben ist.
Dazu kommt der Krieg gegen Iran, der den amerikanischen Tomahawk-Vorrat erheblich dezimiert hat. Das CSIS beziffert den Abschuss auf rund 850 Raketen in den ersten Wochen des Konflikts. Die US-Marine soll in diesem Jahr nur 110 neue Exemplare erhalten. Bei diesen Zahlen ist es schlicht unrealistisch, Deutschland als prioritären Empfänger zu behandeln.
Die Bundeswehr braucht also eine eigene Lösung. Das Verteidigungsministerium denkt dabei in vier Szenarien :
- 2027 : Beschaffung kostengünstiger Marschflugkörper aus Israel oder der Ukraine, schnell verfügbar und in großen Stückzahlen einsetzbar.
- 2029 : Kauf des amerikanischen Typhon-Startsystems, kompatibel mit Tomahawk-Raketen, Antrag bereits von Minister Boris Pistorius gestellt.
- 2032 : Entwicklung eines hochwertigen Marschflugkörpers in Zusammenarbeit mit Großbritannien.
- Langfristig : Aufbau eines diversifizierten europäischen Raketenportfolios zur dauerhaften Unabhängigkeit.
Diese Priorisierung zeigt, dass Berlin nicht mehr auf einen einzigen Lieferanten setzen will. Ein diversifiziertes Marschflugkörper-Arsenal wäre strategisch gesehen ein Paradigmenwechsel für die deutsche Verteidigung, und das ist überfällig.
| System / Lieferant | Herkunft | Zeithorizont | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Flamingo (Fire Point) | Ukraine | ab 2027 | Bereits im Kriegseinsatz |
| Bars (unbekannt) | Ukraine | ab 2027 | Reaktionsgetriebener Drohnenflugkörper |
| Covenant-System | Israel/USA | ab 2027 | Produktion in Deutschland geplant |
| Typhon + Tomahawk | USA | 2029 | Antrag von Boris Pistorius gestellt |
| Britisch-deutsches Gemeinschaftsprojekt | Europa | 2032 | Hochwertige Langstreckenversion |
Was diese Rüstungsentscheidung für die europäische Verteidigungspolitik bedeutet
Hinter den Beschaffungsplänen steckt eine klare sicherheitspolitische Botschaft : Deutschland will Abschreckungskapazitäten gegen Russland aufbauen, und zwar eigenständig. Die Strategie zielt auf Raketen ab, die billig genug sind, um sie in ausreichender Menge zu kaufen, schnell einsetzbar und in der Lage, russische Ziele ernsthaft zu gefährden.
Das ist keine defensive Haltung mehr. Das ist eine aktive Abschreckungslogik, die Deutschland bisher weitgehend den Amerikanern überlassen hatte. Die Abhängigkeit vom transatlantischen Sicherheitsschirm war jahrzehntelang bequem, jetzt erweist sie sich als strukturelle Schwäche.
Frankreich hat das früher verstanden. Mit der Force de frappe verfügt Paris über eine autonome nukleare Abschreckung, die es nie vollständig in NATO-Strukturen eingebunden hat. Deutschland geht nun einen analogen Weg, aber auf konventioneller Ebene : Raketenkapazitäten, die nicht von amerikanischen Entscheidungen abhängen.
Die Zusammenarbeit mit der Ukraine ist dabei politisch brisant, aber industriell logisch. Kiew hat Drohnentechnologie und Marschflugkörpersysteme unter Echtzeitbedingungen optimiert, ein Entwicklungsprozess, den keine Übung ersetzen kann. Wer diese Expertise ignoriert, handelt fahrlässig.
Der nächste konsequente Schritt für Berlin wäre, nicht nur Systeme einzukaufen, sondern Produktionslinien dauerhaft auf deutschem Boden zu etablieren, genau wie Covenant es vorschlägt. Nur so entsteht echte strategische Souveränität, die unabhängig davon funktioniert, wer gerade im Weißen Haus sitzt.
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