11. September : Terror aus Deutschland veränderte die Welt

Zwei Wolkenkratzer brennen mit dichtem Rauch in New York City

Um 8 :46 Uhr Ortszeit traf das erste entführte Flugzeug den Nordturm des World Trade Centers. 102 Minuten später war die Welt eine andere. Was viele vergessen : Drei der vier Attentäter, die an jenem Morgen die Kontrolle über die Maschinen übernahmen, hatten Jahre ihres Lebens in Hamburg verbracht.

Hamburg als Knotenpunkt des 11. September

Mohamed Atta kam Anfang der 1990er Jahre nach Deutschland und studierte Stadtplanung an der damaligen Technischen Universität Hamburg-Harburg. Marwan al-Shehhi und Ziad Jarrah lebten ebenfalls zeitweise in der Hansestadt. Das FBI bezeichnet die Gruppe um Atta ausdrücklich als Hamburger Al-Qaida-Zelle, eine Bezeichnung, die keine Übertreibung ist, sondern auf konkreten Erkenntnissen basiert.

Das Herzstück dieser Struktur war eine Wohnung in der Marienstraße 54 in Hamburg-Harburg. Atta, Ramzi Binalshibh und Said Bahaji lebten dort gemeinsam. Dieser Ort war kein zufälliger Treffpunkt, sondern ein zentraler Anlaufpunkt für die gesamte Gruppe. Die Kommission zum 11. September bezeichnet Atta, Binalshibh, al-Shehhi und Jarrah als das sogenannte „Hamburg contingent » der Verschwörung.

Auch die Al-Quds-Moschee am Steindamm spielte eine wichtige Rolle. Der Islamist Mohammed Haydar Zammar, der dort verkehrte, ermutigte laut den Feststellungen der Kommission mehrere Mitglieder der Gruppe zum Jihad. Sein Einfluss auf die Entscheidung, Ende 1999 gemeinsam nach Afghanistan zu reisen, ist dokumentiert. Genau dort, in den Trainingslagern von Al-Qaida, wurden die vier Männer als geeignete Kandidaten für die geplante Operation eingestuft, weil sie den westlichen Alltag kannten und Englisch sprachen.

Die Al-Quds-Moschee wurde 2010 wegen jihadistischer Aktivitäten und der Rekrutierung junger Islamisten geschlossen.

Was die Behörden wussten, und was sie nicht wussten

Hier wird es heikel. Deutsche und amerikanische Sicherheitsdienste verfügten vor dem 11. September über Informationen zu einzelnen Personen aus dem Umfeld der späteren Täter. Mohammed Haydar Zammar war beiden Geheimdiensten bereits Ende der 1990er Jahre bekannt. Auch einzelne Mitglieder der Hamburger Gruppe standen zumindest teilweise auf dem Radar der Behörden.

Trotzdem ergab sich daraus kein vollständiges Lagebild. Die Kommission stellt fest : Entscheidende Informationen waren über verschiedene Behörden und Nachrichtendienste verteilt, ohne dass jemand die Verbindungen rechtzeitig herstellte. Das ist kein Vorwurf an einzelne Personen, aber ein systemisches Versagen, das fatale Folgen hatte.

Person Verbindung zur Hamburger Zelle Rechtliches Ergebnis
Mounir al-Motassadeq Umfeld von Atta, TU Hamburg-Harburg 2006 verurteilt : 15 Jahre Haft, 2007 bestätigt
Abdelghani Mzoudi Hamburger Milieu 2004 freigesprochen, 2005 vom BGH bestätigt
Mohammed Haydar Zammar Kontakt zu mehreren Zellenmitgliedern Nach Marokko und Syrien überstellt

Der Fall Mounir al-Motassadeq zeigt, wie schwierig solche Verfahren waren. Er gehörte zum Umfeld von Atta und half laut der Kommission dabei, die Afghanistan-Reise der Hamburger Gruppe Ende 1999 zu verschleiern. Nach mehreren Prozessen verurteilte der Bundesgerichtshof ihn 2006 wegen Beihilfe zum Mord in 246 Fällen. 2007 bestätigte das Oberlandesgericht Hamburg eine Strafe von 15 Jahren. Nach Verbüßung der Strafe wurde er nach Marokko abgeschoben, mit einem Einreiseverbot nach Deutschland bis 2064.

Deutschlands militärische Antwort und ihr Preis

Nach den Anschlägen aktivierten die NATO-Mitgliedstaaten erstmals in der Geschichte des Bündnisses Artikel 5 des Nordatlantikvertrags. Deutschland beteiligte sich an der Operation „Enduring Freedom », allerdings unter Umständen, die bis heute Fragen aufwerfen.

Recherchen des NDR für die ARD zeigen : Deutsche Spezialkräfte landeten bereits in der Nacht vom 29. November 2001 auf dem amerikanischen Stützpunkt Camp Rhino im Süden Afghanistans. Entscheidend dabei : Der Bundestag votierte erst am 16. November 2001 über die Beteiligung Deutschlands. Die Soldaten waren als geheimes Vorauskommando bereits am 14. November in die Region entsandt worden, also zwei Tage vor dem parlamentarischen Beschluss. Selbst die verteidigungspolitischen Sprecher der Fraktionen waren offenbar nicht informiert.

Die Bilanz des 20-jährigen Einsatzes ist ernüchternd :

  • 60 deutsche Soldaten starben während des Afghanistan-Einsatzes
  • 35 von ihnen fielen durch direkte Feindeinwirkung in Kämpfen oder Anschlägen
  • 25 weitere kamen aus anderen einsatzbedingten Gründen ums Leben
  • Im Juni 2021 zog die Bundeswehr nach 20 Jahren ab

Damit ist Afghanistan der verlustreichste Auslandseinsatz in der Geschichte der Bundeswehr. Eine Zahl, die man sich bewusst machen muss, wenn man über die Nachwirkungen des 11. Septembers spricht.

25 Jahre danach : Die Wunden sind nicht verheilt

Fast 3.000 Menschen starben am 11. September 2001. Doch die eigentliche Opferbilanz ist weit höher. Laut einem Bericht von Sage aus dem Jahr 2026 kamen zu den ursprünglich 2.753 Todesopfern am World Trade Center mehr als 2.000 weitere Todesfälle hinzu, die auf Krankheiten im Zusammenhang mit den Anschlägen zurückzuführen sind. Stand 1. Januar 2026 wurde bei 52.927 Ersthelferinnen, Ersthelfern und Überlebenden vom World Trade Center Krebs diagnostiziert.

Hamburg war kein Hauptquartier des 11. Septembers. Die eigentliche Planung lag bei der Al-Qaida-Führung. Aber die Stadt war mehr als eine Kulisse : Hier radikalisierte sich ein Netzwerk, hier knüpften die späteren Attentäter entscheidende Kontakte, und von hier aus wurden Fäden gesponnen, die bis in jenen Septembermorgen in New York reichten. Said Bahaji verließ Deutschland erst am 3. September 2001, acht Tage vor den Anschlägen.

Wer verstehen will, wie globaler Terrorismus funktioniert, sollte genau hier ansetzen : nicht bei abstrakten Netzwerken, sondern bei konkreten Orten, Wohnungen, Moscheen und Universitäten in europäischen Städten. Die Radikalisierung findet nebenan statt. Das ist die unbequeme Lehre aus Hamburg.

Jonas
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