Wie die russische Bedrohung Deutschland zwingt, ein Nazi-Tabu zu brechen

Uniformierter Offizier steht in modernem Militärbüro vor Bildschirm

182.000 Soldatinnen und Soldaten. So viele Menschen stehen heute unter dem Kommando von General Carsten Breuer – und diese Zahl soll in den nächsten Jahren drastisch steigen. Deutschland rüstet auf, schneller und entschlossener als je zuvor seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Was lange als undenkbar galt, wird Realität : Das Land bricht mit Tabus, die tief in seiner Geschichte verwurzelt sind.

Das russische Bedrohungsszenario als Wendepunkt

General Breuer trifft man nicht in einem Berliner Büro, sondern in einer Kaserne nahe Münster, unweit der niederländischen Grenze. Dort, wo Panzerspuren im Boden die Dringlichkeit des Moments spürbar machen, spricht er klar : „Ich habe noch keine gefährlichere, dringlichere Situation erlebt als die heutige. » Seit 1984 ist er Soldat – er weiß, wovon er redet.

Seine Kernthese lässt sich nicht wegdiskutieren : Russland baut seine Streitkräfte auf ein Niveau aus, das fast doppelt so hoch liegt wie vor dem Ukraine-Krieg. Laut Breuer könnte Moskau bereits 2029 in der Lage sein, einen Angriff auf NATO-Gebiet zu führen. Das ist kein Alarmismus – das ist eine nüchterne militärische Einschätzung.

Russland investiert massiv. 2024 soll das Land 7,1 % seines BIP in die Streitkräfte gesteckt haben – ein Wert, der selbst die ambitionierten neuen Ziele europäischer Länder übersteigt. Deutschland hingegen konsacrierte zwischen 2007 und 2017 durchschnittlich nur 1,2 % seines BIP für Verteidigung. Dieser Unterschied erklärt vieles.

Die Antwort Berlins ist eindeutig : Bis 2029 sollen 185 Milliarden Dollar in die Bundeswehr fließen, gegenüber 109 Milliarden Dollar im Jahr 2025. Der Deutsche Bundestag hat 2025 sogar das Grundgesetz geändert, um strikte Kreditbeschränkungen für Verteidigungsausgaben aufzuheben. Sophia Besch vom Carnegie-Institut in Washington nennt das ohne Umschweife eine „Kulturrevolution ».

Litauen : Deutschlands erste Auslandsstation seit der Nazi-Zeit

Wer verstehen will, wie tiefgreifend dieser Wandel ist, sollte nach Litauen reisen. Dort stationiert Deutschland zum ersten Mal seit der nationalsozialistischen Besatzung dauerhaft eigene Soldaten auf fremdem Territorium. Rund 1.200 Bundeswehrsoldaten sind derzeit vor Ort – bis Ende nächsten Jahres sollen es knapp 5.000 sein.

Die Panzerbrigade 45 trainiert dort unweit der belarussischen Grenze unter realen Bedingungen. Schneebedeckte Felder, flaches Gelände ohne natürliche Hindernisse : Das ist die große europäische Tiefebene, die sich von der Nordsee bis vor die Tore Moskaus erstreckt. Napoleons Armee zog 1812 durch dieses Terrain. Hitlers Panzerdivisionen rückten 1941 auf demselben Weg vor. Die Geografie blieb, die politischen Konstellationen haben sich verändert.

Lieutenant-Colonel Sebastian Hagen, Kommandeur der Brigade, formuliert es direkt : „Wir sind hier, um den Erwartungen unserer Nachbarn gerecht zu werden. » Dieser Satz ist bedeutsamer, als er klingt. Er zeigt, dass Deutschland seinen Auftritt bewusst als Verbündeter inszeniert – nicht als Hegemonialmacht.

Die multilaterale Einbettung – stets in NATO- und EU-Strukturen – zieht sich wie ein roter Faden durch alle deutschen Militäraussagen. Das ist kein Zufall, sondern eine direkte Lehre aus der Geschichte.

Land Verteidigungsziel (% BIP) Zeitrahmen
Deutschland 5 % laufend
Vereinigtes Königreich 5 % bis 2035
Frankreich 3,5 % geplant
Russland 7,1 % 2024 (Ist-Wert)

Das transatlantische Vertrauen bröckelt

Nicht nur Russland hat Deutschland zum Umdenken gezwungen. Die USA unter Donald Trump haben das Fundament der deutschen Nachkriegssicherheitspolitik erschüttert. Als JD Vance bei der Münchner Sicherheitskonferenz erklärte, Washington werde nicht länger Garant europäischer Sicherheit sein, saß der Schock tief.

Noch deutlicher wurde die Abkehr durch durchgesickerte Nachrichten : Verteidigungsminister Pete Hegseth bezeichnete europäische Verbündete als „Trittbrettfahrer » und ergänzte schlicht „ERBÄRMLICH ». Journalist John Kampfner, der in Berlin lebt und arbeitet, bringt es auf den Punkt : „Das zweite Trump-Mandat war für Deutschland destabilisierender als für Frankreich oder Großbritannien – denn die deutsche Nachkriegsordnung basierte vollständig auf dem transatlantischen Bündnis. »

Die Zahlen bestätigen diesen Vertrauensverlust drastisch : 2024 zeigten sich noch 74 % der Deutschen gegenüber den USA positiv eingestellt (laut Pew Research Center). 2025 bewerteten nur noch 27 % das Verhältnis als gut. Ein freier Fall innerhalb eines einzigen Jahres.

Friedrich Merz reagierte auf diese Entwicklung mit dem Konzept der „operativen Unabhängigkeit » von den USA innerhalb der NATO. Deutschland investiert seitdem gezielt in Fähigkeiten, die bisher ausschließlich Washington bereitstellte :

  • Aufklärungs-, Überwachungs- und Erkennungssysteme (ISR)
  • Drohnentechnologie
  • Präzisionsangriffe über große Distanzen
  • Weltraumkapazitäten

Zusätzlich fährt Berlin eine stille Strategie des „Kaufe deutsch, wo möglich » – weg von US-amerikanischen Rüstungsherstellern, hin zur eigenen Industrie.

Wenn Polens General deutsches Aufrüsten lobt

Was diesen Wandel wirklich unterstreicht, ist die Reaktion jener Länder, die unter deutschem Militarismus am meisten gelitten haben. Der polnische Ex-General Andrzej Falkowski, früherer Chef der polnischen Streitkräfte und zwölf Jahre in NATO-Führungspositionen tätig, begrüßt die deutsche Aufrüstung ausdrücklich : „Das ist eine gute Nachricht für Polen, für Europa und für die NATO. »

Falkowski erinnert nüchtern daran, dass Polen nach 1989 als östlicher Puffer für ein abrüstendes Deutschland diente. Heute sei Deutschland der viertgrößte Verteidigungsinvestor weltweit – und das sei, bei seiner wirtschaftlichen Stärke, schlicht angemessen.

Schon 2011 hatte der polnische Außenminister Radosław Sikorski in Berlin erklärt : „Ich fürchte deutsche Macht weniger als deutsche Untätigkeit. » Damals war der Kontext die Eurokrise. Heute klingt dieser Satz wie eine Prophezeiung.

Breuer selbst denkt lieber in konkreten Zahlen als in großen Gesten : 20.000 zusätzliche Soldaten bis Ende des Jahres, 60.000 in einem Jahrzehnt, dazu eine Reservetruppe von 200.000. Die Rekrutierungszahlen steigen bereits – im Februar 2026 beantragten 16.100 Deutsche ihre Aufnahme in die Bundeswehr, 20 % mehr als im Vorjahresmonat. Falls das Freiwilligenprinzip nicht reicht, steht Breuer offen zur Wehrpflicht. Bei der aktuellen gesellschaftlichen Stimmung in Deutschland wäre das keine schwer vermittelbare Position.

hanna
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