Die diplomatischen Beziehungen zwischen Berlin und Rom gewinnen seit mehreren Monaten an Bedeutung. Am 23. Januar 2026 reiste Bundeskanzler Friedrich Merz nach Italien, um mit Ministerpräsidentin Giorgia Meloni Vereinbarungen in den Bereichen Sicherheit, Verteidigung und Resilienz zu unterzeichnen. Diese Entwicklung wirft Fragen über die Zukunft der europäischen Machtverhältnisse auf und lässt vermuten, dass Paris möglicherweise an Einfluss verliert.
Strategische Prioritäten verbinden Deutschland und Italien
Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern basiert auf gemeinsamen Herausforderungen. Friedrich Merz steht innenpolitisch unter Druck durch die rechtsextreme AfD, was ihn zur Kooperation mit Rom zwingt. Hans Stark vom französischen Institut für internationale Beziehungen erklärt, dass der Kanzler besonders sensibel auf Migrationsfragen reagiert. Deutschland benötigt Partner wie Italien und Spanien, um die Migrationsrouten zu kontrollieren und den südeuropäischen Raum zu schützen.
Wirtschaftlich stellt Deutschland den wichtigsten Handelspartner Italiens dar. Beide Nationen teilen als Exportmächte das Interesse an offenen Märkten, insbesondere dem amerikanischen. Christophe Bouillaud, Professor an der Universität Grenoble, hebt hervor, dass beide Staaten auf fossile Energien angewiesen sind, nachdem sie den Atomausstieg vollzogen haben. Diese Abhängigkeit von russischem Gas oder amerikanischem Öl prägt ihre außenpolitische Haltung.
| Bereich | Deutschland | Italien | Gemeinsame Interessen |
|---|---|---|---|
| Migration | Innenpolitischer Druck | Kontrolle der Routen | Südeuropäischer Schutz |
| Wirtschaft | Exportnation | Exportnation | Offene Märkte |
| Energie | Atomausstieg | Atomausstieg | Fossile Abhängigkeit |
Unterschiedliche Reaktionen auf die amerikanische Politik
Der Umgang mit Donald Trump offenbart unterschiedliche diplomatische Ansätze. Emmanuel Macron präsentierte sich beim Weltwirtschaftsforum in Davos offensiv gegenüber dem amerikanischen Präsidenten. Friedrich Merz wählt einen zurückhaltenderen Ton, während Giorgia Meloni Trump kontinuierlich hofiert. Der deutsche Bundeskanzler braucht diesen Kommunikationskanal zum Weißen Haus, agiert jedoch bestimmter als seine italienische Kollegin.
Paul Maurice vom Ifri betont, dass Merz als « Kanzler der Außenpolitik » mit allen Mächten verhandelt. Im E3-Format mit Frankreich und Großbritannien koordiniert er sich besonders in Bezug auf die Ukraine. Dennoch achtet er darauf, andere Staaten wie Italien nicht auszuschließen. Die Wahrung dieser Balance ermöglicht es Berlin, seine Führungsrolle innerhalb der Europäischen Union zu festigen.
Politische Stabilität als entscheidender Faktor
Die Annäherung zwischen Berlin und Rom profitiert von der wahrgenommenen Stabilität beider Regierungen. Giorgia Meloni ist dabei, einen Rekord in der Regierungsdauer zu erreichen. Friedrich Merz stützt sich auf eine Zweierkoalition, deren Partner trotz gelegentlicher Streitigkeiten routiniert zusammenarbeiten. Diese Konstellation steht im Kontrast zur französischen Situation.
Frankreich kämpft mit erheblichen Problemen :
- Defizitäre öffentliche Haushalte belasten die Wirtschaftspolitik
- Politische Instabilität schwächt die Handlungsfähigkeit der Regierung
- Die Dreigliederung des politischen Raums erschwert Mehrheitsbildungen
- Eine mögliche Krise im Jahr 2027 zeichnet sich am Horizont ab
Diese Faktoren führen dazu, dass Deutschland und Italien sich als verlässlichere Partner wahrnehmen. Christophe Bouillaud unterstreicht, dass Paris nicht mehr als stabil gilt. Die traditionelle deutsch-französische Achse verliert dadurch an Bedeutung, ohne jedoch vollständig in Frage gestellt zu werden.
Bestehende Meinungsverschiedenheiten begrenzen die Partnerschaft
Trotz der Annäherung existieren signifikante Differenzen zwischen Rom und Berlin. Die europäische Haushaltspolitik stellt einen Konfliktpunkt dar. Italien drängt auf mehr Flexibilität, während Deutschland traditionell strikte Haushaltsdisziplin fordert, auch wenn diese Position heute weniger rigide vertreten wird. Bei der Ukraine-Frage zeigte sich Giorgia Meloni gegen die Verwendung eingefrorener russischer Vermögenswerte zur Finanzierung Kiews, während Merz diese Lösung vehement verteidigte.
Das Mercosur-Abkommen zwischen der EU und lateinamerikanischen Staaten offenbarte ebenfalls unterschiedliche Perspektiven. Friedrich Merz unterstützte das Freihandelsabkommen, während Emmanuel Macron es ablehnte. Hans Stark warnt, dass die italienische Regierung mit der rechtsextremen Lega als Koalitionspartner kein einfacher Partner ist. Diese Partei zeigt sich pro-russisch, pro-Trump und deutschlandkritisch, was die Kooperation erschwert.
Die deutsch-französischen Beziehungen bleiben dennoch fundamental für Europa. Das Treffen zwischen Merz und Macron in Brégançon zielte darauf ab, die traditionelle Achse zu beleben. Die bilaterale Zusammenarbeit behält strategische Bedeutung, auch wenn neue Konstellationen entstehen. Die europäische Landschaft entwickelt sich zu einem komplexeren Netzwerk, in dem verschiedene Allianzen parallel existieren und sich je nach Themenfeld neu formieren.



