105.000 Stolpersteine liegen in Deutschland im Pflaster verankert, 125.000 weltweit. Jeder dieser kleinen Messingquader erinnert an einen Menschen, den das NS-Regime ermordet hat. Doch in Heidenau, einer sächsischen Stadt mit rund 17.000 Einwohnern, soll damit Schluss sein.
Ein Stadtrat beschließt das Ende der Stolpersteine
Ende September 2026 stimmte der Heidenauer Stadtrat für einen gemeinsamen Antrag von AfD und CDU, der die weitere Verlegung von Stolpersteinen im Stadtgebiet untersagt. Die Entscheidung fiel kaum einen Monat nach dem starken Abschneiden der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen. Fünf dieser Gedenksteine existieren bereits in Heidenau. Ob sie bleiben dürfen oder nicht, bleibt offen : Eine Option laut Bürgermeisterin sei, sie auf einen Friedhof im Norden der Stadt zu verlegen.
Die Stolpersteine wurden in den 1990er Jahren erfunden. Auf einer 10 mal 10 Zentimeter großen Messingplatte stehen Name, Geburts- und Sterbedatum der jeweiligen Person. Sie werden vor dem letzten selbst gewählten Wohnsitz der Opfer in den Bürgersteig eingelassen : Juden, Sinti und Roma, politische Gegner, Homosexuelle, Menschen mit Behinderungen. Dieses dezentrale Mahnmal mitten im Alltag ist kein Museum, kein abgeschlossener Gedenkort, sondern Teil des öffentlichen Raums. Genau das stört offenbar.
Daniel Barthel, AfD-Fraktionsvorsitzender in Heidenau, begründete den Antrag mit einem bemerkenswert nüchternen Argument : Man könne die Steine bewusst oder unbewusst betreten, Schmutz und Dreck fielen darauf. Er verwies auf Dresden, wo Gedenksteine angeblich in der Nähe von Grünflächen liegen, die Hunde frequentieren. Auch Mülltonnen würden darauf abgestellt. Für ihn eine « unwürdige » Form der Erinnerung.
Historiker, Shoah-Überlebende und die Reaktion aus ganz Deutschland
Die Empörung ließ nicht lange auf sich warten. Andreas Ullmann, Historiker und Verantwortlicher für die Beschriftung der Stolpersteine in ganz Deutschland, nennt die Argumentation der AfD schlicht einen Vorwand. Für ihn ist der Zusammenhang eindeutig : « Diese Entscheidung hängt sehr klar mit dem Erstarken der AfD zusammen. » Auf Nachfrage wird er noch deutlicher :
- Die AfD lehne eine Gedenkkultur für NS-Opfer ideologisch ab.
- Sie arbeite aktiv dagegen, nicht nur passiv.
- Das Besondere in Heidenau sei die Allianz mit der CDU, einem bürgerlichen Konservatismus der Mitte.
- Ein solcher gemeinsamer Beschluss gegen Stolpersteine sei in Deutschland bisher einmalig.
Noch schärfer formuliert es Charlotte Knobloch, 93 Jahre alt, Überlebende der Shoah und Präsidentin der Jüdischen Gemeinde München. Sie bezeichnet die Entscheidung als « monumentalen Fehler » und zeigt sich bestürzt, dass « eine demokratische Partei eine so flagrante Aktion von AfD-Extremisten deckt ». Ihr Verweis auf die CDU ist kein Zufall : Der Bundesvorsitzende dieser Partei ist Friedrich Merz, der amtierende Bundeskanzler.
Bürgermeisterin Heidenaus versuchte, die Wellen zu glätten. Sie betonte, man mache sich « nicht über die Opfer des Holocaust lustig ». Doch die Formulierung klingt defensiv, nicht überzeugend. Ullmann zeigt sich nach eigenen Worten zunächst fassungslos und dann schockiert gewesen, als er von dem Beschluss erfuhr.
| Person / Institution | Reaktion auf das Verbot |
|---|---|
| Andreas Ullmann (Historiker) | « Fassungslos und schockiert », nennt es einen ideologischen Angriff auf die Erinnerungskultur |
| Charlotte Knobloch (Jüdische Gemeinde München) | « Monumentaler Fehler », kritisiert explizit die CDU für die Zusammenarbeit mit der AfD |
| Bürgermeisterin Heidenau | Weist den Vorwurf der Verhöhnung zurück, schlägt Verlegung auf Friedhof vor |
| Christophe Woehrle (Stolpersteine-Stiftung Frankreich) | Bezeichnet die Entscheidung als « schockierend », sieht CDU-Beteiligung als Verstärker der Empörung |
Kein Einzelfall : Paris, München und die Grenzen des Gedenkens
Wer glaubt, das Verbot von Stolpersteinen sei ein rein deutsches Problem, sollte einen Blick über die Grenzen werfen. München beispielsweise hat die Verlegung dieser Gedenksteine stets abgelehnt. Paris ist die einzige europäische Hauptstadt, in der es noch immer keine Stolpersteine gibt, obwohl die Stiftung die Anfrage seit 2012 wiederholt gestellt hat. Die Begründung der Pariser Stadtregierung : Die Steine würden der Stadt « ein schlechtes Bild » verleihen. Eine Aussage, die schwer zu kommentieren ist.
Christophe Woehrle, Präsident der Stolpersteine-Stiftung in Frankreich, betont, dass der Fall Heidenau in Deutschland weniger Wellen geschlagen hätte, wenn die CDU nicht mitgestimmt hätte. Denn die Beteiligung einer Volkspartei der Mitte verleiht dem Beschluss eine andere politische Qualität. Es geht nicht mehr nur um eine Randpartei, die provoziert.
Genau hier liegt das eigentliche Problem dieser Entscheidung. Nicht nur, dass Heidenau die Gedenksteine verbietet. Sondern dass dies durch eine politische Mehrheit geschah, die CDU und AfD vereint, wenige Wochen nach einem Wahlerfolg, der die politischen Kräfteverhältnisse in Sachsen neu geordnet hat. Andreas Ullmann bezeichnet diesen Vorgang als beispiellos in der Geschichte der Bundesrepublik.
Was bleibt ? Fünf Stolpersteine in Heidenau, deren Zukunft ungewiss ist. Und eine Debatte, die zeigt, wie fragil die Erinnerungskultur werden kann, wenn sie unter politischen Druck gerät. Kommunen, Stiftungen und Bürgerinnen und Bürger, die sich für den Erhalt dieser Gedenkpraxis einsetzen, sollten diesen Fall als Warnsignal begreifen : Was lokal beschlossen wird, hat nationale Bedeutung.
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