Über 100.000 Stellen gestrichen, vier Werke vor der Schließung, und ein Branchenriese nach dem anderen gibt Gewinnwarnungen heraus. Die deutsche Automobilindustrie erlebt gerade den tiefsten Einschnitt seit Jahrzehnten, und BMW ist nur der jüngste Name auf einer langen Liste.
Volkswagen, Audi, Porsche : Der Kahlschlag im VW-Konzern
Kein anderer Konzern steht so exemplarisch für die Krise wie Volkswagen. Der Wolfsburger Gigant beschäftigt weltweit rund 630.000 Mitarbeiter, inklusive der chinesischen Joint Ventures sogar 680.000. Zum Vergleich : Toyota produziert ähnlich viele Fahrzeuge mit rund 60 % weniger Personal. Diese strukturelle Schwäche war jahrzehntelang tolerierbar. Heute wird sie zum existenziellen Problem.
Ursprünglich hatte VW angekündigt, 50.000 Stellen abzubauen. Einen Monat vor diesem Artikel hat der Konzern diesen Plan verdoppelt : bis zu 100.000 Jobs sollen wegfallen, vier deutsche Werke geschlossen werden. Das Land Niedersachsen, das mit 20 % der Stimmrechte über ein Vetorecht verfügt, hat diese Pläne abgelehnt. Die IG Metall ebenfalls. Die Fronten sind verhärtet.
Warum diese Schieflage ? VW kontrolliert mehr Fertigungsstufen intern als die meisten Konkurrenten. Das treibt den Personalbedarf hoch, während deutsche Werkskosten häufig doppelt so hoch sind wie bei ausländischen Rivalen. Dazu kommt : Der Umbau zur Elektromobilität verlief zu langsam. China, das einst ein Drittel der weltweiten VW-Verkäufe ausmachte, bricht weg, verdrängt durch heimische Hersteller wie BYD.
Audi, die Premiumtochter des Konzerns, hat bis Ende 2029 den Abbau von bis zu 7.500 Stellen in Deutschland angekündigt, ausschließlich über freiwillige Maßnahmen und Vorruhestandsregelungen. Doch im Juli 2026 wurde bekannt, dass VW das Werk Neckarsulm, Standort der Modelle A5, A6 und A8, für eine mögliche Schließung im Jahr 2030 prüft. Rund 15.000 Beschäftigte hängen daran. Die Produktion dort wurde bereits von 300.000 auf 225.000 Fahrzeuge pro Jahr reduziert.
Porsche hat ebenfalls nachgezogen. Anfang dieser Woche kündigte die Stuttgarter Sportwagenmarke an, bis Ende 2035 weitere 5.000 Stellen in Deutschland zu streichen, das entspricht etwa jedem fünften Mitarbeiter. Betroffen sind das Hauptwerk in Stuttgart-Zuffenhausen und das Entwicklungszentrum in Weissach. Bereits 2025 hatte Porsche ein Sparprogramm für 1.900 Stellen im Großraum Stuttgart angekündigt. Hinzu kommen drei Tochtergesellschaften mit rund 500 Beschäftigten, die geschlossen werden. Lohnerhöhungen werden aufgeschoben, Prämien stärker an Gewinne gekoppelt.
BMW und Mercedes : Auch die Stabilen geraten ins Wanken
BMW galt lange als widerstandsfähiger gegenüber dem chinesischen Wettbewerb. Diese Einschätzung ist überholt. Am Mittwoch gab das Münchner Unternehmen bekannt, weltweit bis zu 8.000 Stellen zu streichen, rund 5 % der 154.000 Mitarbeitenden. Der Abbau soll vor allem in Deutschland erfolgen, über natürliche Fluktuation und ein freiwilliges Abfindungsprogramm.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache : Im zweiten Quartal 2026 sank der Nettogewinn von BMW um 35 % auf 1,2 Milliarden Euro, der Umsatz fiel von 34 auf 31 Milliarden Euro. Die China-Auslieferungen brachen im selben Zeitraum um 30 % im Jahresvergleich ein und erreichten den niedrigsten Stand seit 2017. Neben der chinesischen Konkurrenz bei Elektrofahrzeugen belasten auch die US-Zölle unter Donald Trump sowie gestiegene Energiepreise infolge des Iran-Kriegs das Geschäft.
| Hersteller | Geplanter Stellenabbau | Zeitrahmen | Methode |
|---|---|---|---|
| Volkswagen | bis zu 100.000 | offen | Werkschließungen, Verhandlungen laufen |
| BMW | bis zu 8.000 | mittelfristig | Freiwillig, natürliche Fluktuation |
| Porsche | 5.000 (neu) | bis 2035 | Freiwillig, Vorruhestand |
| Audi | bis zu 7.500 | bis 2029 | Freiwillig, Frühverrentung |
| Mercedes-Benz | ~5.500 (bisher) | bis 2027 | Abfindungen, keine Zwangskündigungen |
Mercedes-Benz versucht einen anderen Weg. Im März 2025 einigte sich der Konzern mit dem Betriebsrat auf ein Sparpaket von 5 Milliarden Euro bis 2027, ohne betriebsbedingte Kündigungen in deutschen Werken. Bis März 2026 verließen rund 5.500 Mitarbeitende aus Verwaltung, Forschung und IT das Unternehmen freiwillig. Produktionsmitarbeiter blieben geschützt.
Doch auch Stuttgart kommt nicht ungeschoren davon. Im Juli 2026 verschob Mercedes Bonuszahlungen für fast drei Viertel der deutschen Belegschaft auf 2027 und schlug vor, die Wochenarbeitszeit von 35 auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich zu verlängern. Zudem schrieb das Unternehmen über 700 Millionen Euro wegen der harten Konkurrenz in China ab. Der Nettogewinn im zweiten Quartal stieg zwar um 13,5 % auf 1,09 Milliarden Euro, doch das Kerngeschäft Pkw verlor ein Viertel seiner operativen Gewinne.
Strukturwandel oder Strukturkrise ? Was jetzt wirklich auf dem Spiel steht
Hinter den Stellenabbau-Ankündigungen steckt mehr als ein kurzfristiger Absatzrückgang. Die deutschen Hersteller haben jahrelang auf Verbrenner-Gewinne gesetzt, während chinesische Anbieter die Elektromobilität konsequent entwickelten. BYD verkaufte 2025 erstmals mehr Elektrofahrzeuge als Tesla, ein Weckruf, den manche in Wolfsburg und München zu spät ernst nahmen.
Frankreich gesetzt darauf, dass die EU-Strafzölle auf chinesische Elektroautos die einheimische Industrie schützen würden. Das ist eine gefährliche Wette. Chinesische Marken dringen bereits in Europa, Asien-Pazifik und Lateinamerika vor, Märkte, die deutsche Hersteller als gesichert betrachteten.
Was sollten Beschäftigte und Investoren jetzt konkret im Blick behalten ? Hier die kritischen Signale :
- Ob VW mit den Gewerkschaften eine Einigung über die Werksschließungen erzielt
- Ob Neckarsulm tatsächlich 2030 geschlossen wird und welche Modelle verlagert werden
- Wie BMW den Absatzschwund in China stabilisieren will, ohne Preise weiter zu opfern
- Ob Mercedes die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich wirklich durchsetzen kann
- Wie schnell neue Elektromodelle an Marktanteile gewinnen, bevor die Kosteneinsparungen greifen
Die Automobilbranche beschäftigt in Deutschland direkt rund 780.000 Menschen, indirekt ein Vielfaches davon. Es geht also nicht nur um Unternehmensbilanzen. Die nächsten 18 Monate werden zeigen, ob die deutschen Hersteller die Kurve noch kriegen, oder ob der Kahlschlag erst am Anfang steht.
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