Elektroautos : Steigen die Kosten zu schnell ?

Mann lädt Elektroauto an Ladestation in Großstadt

48.402 Dollar : So viel kostet ein Neuwagen in den USA im Durchschnitt heute. Das ist ein Anstieg von rund 11.000 Dollar innerhalb weniger Jahre. Wer günstig fahren will, hat kaum noch eine Wahl, und genau hier liegt das Problem für die amerikanische Elektromobilität.

Der US-Markt für Elektroautos kämpft gegen steigende Preise

Noch 2019 kosteten fast 21 % aller Neuwagen in den USA unter 25.000 Dollar. Heute liegt dieser Anteil laut einer Analyse von Edmunds bei weniger als 5 %. Das ist kein kleiner Rückgang, das ist ein struktureller Bruch. Der amerikanische Markt hat sich von der Einstiegsklasse verabschiedet, und damit auch von einem großen Teil der Bevölkerung, die sich ein Auto leisten müsste, aber nicht mehr kann.

Mitten in dieses Vakuum springt Slate Auto, ein neues Startup aus Detroit, das von Jeff Bezos mitfinanziert wird. Das Unternehmen bietet einen Pickup-Truck ab 24.950 Dollar an, was ihn zu einem der günstigsten Neuwagen auf dem US-Markt macht. Nur acht Modelle in den USA kosten aktuell unter 25.000 Dollar. Acht. In China hingegen stehen laut dem Branchenanalysten DCar über 200 Elektro- und Hybridfahrzeuge in dieser Preisklasse zur Verfügung.

Der Slate-Truck ist spartanisch. Handkurbelfenster, kein Radio, keine Lautsprecher, kein Navi, nur ein Smartphone-Halter auf dem Armaturenbrett. Die Reichweite beträgt geschätzte 205 Meilen. Mit einer Länge von 4,4 Metern ist er kürzer als ein Toyota Corolla, eher vergleichbar mit einem Ford Ranger der 1980er-Jahre. Für viele Amerikaner klingt das schlicht nicht verlockend.

Jessica Caldwell, Executive Director of Insights bei Edmunds, bringt es auf den Punkt : Sie vergleicht Slate mit einer Billigfluggesellschaft wie Ryanair. Das Basisticket ist günstig, aber sobald man die Extras addiert, die das Fahren halbwegs komfortabel machen, steigt der Preis schnell. Ihre Einschätzung ist klar : Amerikaner wollen keine abgespeckten Autos, weil sie selbst für die aufgeblähten Preise mitverantwortlich sind, durch ihre Nachfrage nach Ausstattung, Technologie und Komfort.

Was China längst beherrscht : günstige E-Autos mit voller Ausstattung

BYD, der chinesische Elektroautoriese, liefert ein komplett anderes Bild. Modelle, die unter 15.000 Dollar kosten, bieten eine Reichweite von 314 Meilen und kommen serienmäßig mit Fahrerassistenzsystemen. BYD produziert bereits mehr Elektrofahrzeuge als Tesla und hat das erklärte Ziel, innerhalb von fünf Jahren zum weltgrößten Automobilhersteller aufzusteigen. Das ist kein Versprechen, das ist ein laufender Prozess.

Zum direkten Vergleich dieser zwei Welten :

Kriterium Slate Auto (USA) BYD (China)
Einstiegspreis ab 24.950 $ unter 15.000 $
Reichweite ca. 205 Meilen bis zu 314 Meilen
Serienausstattung minimal Fahrerassistenz, vollständig
Verfügbarkeit in den USA ja nein

Chinesische Fahrzeuge dürfen in den USA nicht verkauft werden. Trotzdem machen sie global enormen Druck : Im Dezember letzten Jahres stammten rund 20 % der in Großbritannien verkauften Neuwagen aus China. Im EU-Durchschnitt des gesamten Vorjahres waren es etwa 6,4 %, trotz neuer Zölle. Die Richtung ist eindeutig, auch wenn der US-Markt durch Handelsbeschränkungen vorerst abgeschirmt bleibt.

Dan Krassner, Geschäftsführer der American EVs Jobs Alliance, einer gemeinnützigen Organisation, die politische Gräben rund um Elektrofahrzeuge überbrücken will, warnt unmissverständlich : « Wir können die gesamte Automobilindustrie nicht an Peking abtreten. Elektroautos sind der wichtigste Fertigungssektor des Jahrhunderts, und Amerika muss wieder ins Rennen. » Seine Aussage ist keine Übertreibung, sondern eine nüchterne Einschätzung der Lage.

Warum Amerikaner (noch) anders denken als der Rest der Welt

Die USA gelten als Geburtsland des Automobils. Das prägt eine tiefe kulturelle Bindung an große, leistungsstarke Benziner. Wer in Detroit aufgewachsen ist, denkt bei Auto nicht an einen 4-Meter-Stadtflitzer.

Folgende Faktoren erklären, warum der günstige EV-Trend in Amerika bisher nicht greift :

  • Jahrzehntelange Marketingkultur rund um Trucks und SUVs
  • Weitläufige Infrastruktur, die große Reichweiten und Kofferraumvolumen voraussetzt
  • Hersteller, die mit Premiummodellen höhere Margen erzielen
  • Fehlende Alternativen im Einstiegssegment

Chinas Markt funktioniert nach einer anderen Logik. Viele Erstkäufer dort sind jung, urban und pragmatisch. Ein kleines, günstiges E-Auto passt perfekt in die Megacities. Europäer kennen kompakte Stadtautos seit Generationen. Für Amerikaner ist das Konzept eines 10.000-Dollar-Autos kulturell fremd, aber nicht unmöglich.

Caldwell betont, dass die US-Preisspirale nicht nur aus Gier der Hersteller entstanden ist. Amerikaner haben aktiv nach mehr Ausstattung, mehr Technologie, mehr Komfort verlangt. Die Industrie hat geliefert. Jetzt sitzen beide Seiten in einer Falle aus hohen Erwartungen und noch höheren Preisen.

Ob Slate genug ist, und was wirklich auf dem Spiel steht

Slate hat in der ersten Vorbestellungswoche deutliches Interesse geweckt. Gut so. Aber man sollte sich nichts vormachen : Ein einziges Modell mit Basis-Ausstattung wird den Rückstand der USA im globalen EV-Rennen nicht wettmachen.

Krassner bleibt trotzdem optimistisch. Er sieht das Interesse an Slate als Signal : « Der Preispunkt ist attraktiv, und wir hoffen, dass Amerikaner erkennen, dass er ihrem Budget entspricht, und gleichzeitig zeigt, dass es einen echten Hunger nach günstigeren Elektrofahrzeugen gibt. » Das ist keine Wunschvorstellung, das ist eine Marktbeobachtung.

Die eigentliche Frage geht über Slate hinaus. Wenn morgen ein chinesisches Fahrzeug für 10.000 Dollar legal in den USA verkauft werden dürfte, wie würde der Markt reagieren ? Ehrlich gesagt : wahrscheinlich mit massiver Nachfrage. Die Handelspolitik schützt derzeit die heimische Industrie, gibt ihr aber auch die Möglichkeit, sich bequem zurückzulehnen. Genau das wäre fatal. Die Zeit, in der Amerika einfach zuschauen kann, wie China die Elektromobilität global dominiert, läuft ab, schneller als viele Entscheider in Washington wahrhaben wollen.

Elena
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