2,5 Milliarden Euro. So viel hat Frankreich allein in das SCAF-Programm investiert, bevor Berlin am 8. Juni 2026 offiziell das Ende des gemeinsamen Kampfflugzeugprojekts verkündete. Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron einigten sich auf den Abbruch, und damit starb ein Vorhaben, das seit 2017 die europäische Verteidigungskooperation prägen sollte.
Warum das SCAF-Projekt gescheitert ist
Das „Système de combat aérien du futur », kurz SCAF, war von Anfang an mehr als ein Flugzeug. Es umfasste auch vernetzte Drohnen mit digitaler Kommunikation und sollte langfristig den Eurofighter in Deutschland sowie den Rafale in Frankreich ersetzen. Das Ziel war ehrgeizig. Die Umsetzung hingegen krankte an grundlegenden Konflikten.
Renaud Bellais, Co-Direktor des Observatoire de la défense bei der Fondation Jean-Jaurès, bringt es auf den Punkt : „Das Problem war die Rivalität um die Führungsrolle. » Dassault und Airbus kämpften jahrelang darum, wer das Projekt leitet, statt gemeinsam voranzukommen. Kein Kompromiss, kein Fortschritt.
Stéphane Audrand, Risikoberater und assoziierter Forscher am Institut français des relations internationales (Ifri), geht noch tiefer : „Seit 2018 gab es einen grundlegenden Dissens. Beide Länder wollten und brauchten nicht dasselbe Flugzeug. » Frankreich dachte an einen Kampfjet nach dem Vorbild des Rafale. Deutschland hatte andere Anforderungen. Dazu kommt, was Audrand als „Steuerungsversagen der öffentlichen Hand » bezeichnet : Weder Berlin noch Paris waren in der Lage, die Industrie zu koordinieren.
Kurz gesagt : Das SCAF hatte drei Probleme gleichzeitig :
- Industrieller Führungsstreit zwischen Dassault und Airbus
- Unterschiedliche militärische Anforderungen in Frankreich und Deutschland
- Fehlende politische Steuerung auf beiden Seiten
Spanien traf das Ende besonders hart. „Es ist ein harter Schlag für sie, Spanien ist das Kollateralopfer der Unfähigkeit Deutschlands und Frankreichs, sich zu einigen », urteilt Bellais. Verteidigungsministerin Margarita Robles bezeichnete den SCAF-Ausstieg als „äußerst besorgniserregend für die strategische Autonomie Europas » und kritisierte offen, dass Industrieinteressen vor Sicherheitsinteressen gestellt worden seien.
Die neuen Pläne : Wer macht jetzt was ?
Drei Tage nach dem offiziellen Ende des SCAF präsentierte Airbus bereits eine Alternative. Die Allianz „Team Gen 6″ vereint acht Unternehmen, darunter der europäische Raketenhersteller MBDA und sechs deutsche Firmen. Die Botschaft ist klar : Deutschland will einen Kampfjet der sechsten Generation, und es will dabei die Führung übernehmen.
Audrand erklärt die Logik : „Deutschland setzt darauf, dass alle Länder mit Eurofightern irgendwann Ersatz brauchen. Es gibt also Bedarf für ein großes Flugzeug, das den F-35 ergänzt. » Kanzler Merz selbst erklärte, das SCAF-Scheitern „eröffne neue Perspektiven » für die deutsche Rüstungsindustrie. Berlin prüft dabei mehrere Szenarien :
- Ein nationales oder deutsch geführtes europäisches Programm (Team Gen 6)
- Die Bestellung weiterer amerikanischer F-35-Jets
- Der Beitritt zu einem anderen laufenden internationalen Programm
Frankreich seinerseits betont seine industrielle Unabhängigkeit. Verteidigungsministerin Catherine Vautrin versicherte, die bislang investierten Milliarden erlaubten es, „bis 2040 an einem Kampfjet weiterzuarbeiten ». Sie nannte Dassault, Safran und Thales als „einziges Team in Europa, das vollständig autonom ein Kampfflugzeug produzieren kann ». Das klingt stark. Aber die Finanzierungsfrage bleibt offen.
| Land | Aktuelle Option | Wichtigstes Hindernis |
|---|---|---|
| Deutschland | Team Gen 6 / F-35 | Politische Entscheidung noch offen |
| Frankreich | Nationales Programm / Kooperation | Finanzierbarkeit über 100 Mrd. Euro |
| Spanien | Suche nach neuem Partner | Verlust industrieller Gewicht |
| Schweden | Mögliche Kooperation mit Frankreich | Abhängigkeit von US-Komponenten |
Frankreich allein oder mit Stockholm ? Die Budgetfalle und die schwedische Option
Bellais ist ehrlich, was ein rein französisches Programm betrifft : „Wenn es so teuer ist und wir es alleine finanzieren, wird Frankreich noch weniger Flugzeuge kaufen als damals beim Rafale. » Und Dassault kann sich nicht allein auf Exportaufträge verlassen, die sind zu unberechenbar. Audrand rechnet vor : „Wir können uns nicht alles leisten, was Dassault uns verkaufen will. Ein Programm von über 100 Milliarden Euro ist für Frankreich allein nicht tragbar. »
Praktische Kompromisse kursieren : ein günstigeres Modell kaufen, oder zumindest gemeinsam mit Deutschland an einem gemeinsamen Triebwerk für zwei verschiedene Flugzeugtypen arbeiten. Das wäre keine vollständige Kooperation, aber ein sinnvoller Anfang.
Der spannendste neue Name in dieser Debatte ist Saab. Thierry Carlier, Frankreichs Botschafter in Stockholm, sprach offen von „Konvergenzpfaden für eine gemeinsame Vision des Kampfflugzeugs der Zukunft ». Audrand sieht darin echtes Potenzial : „Saab leidet unter der Abhängigkeit von amerikanischen Komponenten und sucht nach einem Weg, die US-Dominanz zu umgehen. In Europa führt dieser Weg über Frankreich. » Aber er warnt sofort : „Wie einst Deutschland könnte auch Saab die gemeinsame Projektleitung beanspruchen. Das könnte genauso scheitern. »
Spaniens Industrieunternehmen, darunter Indra, das für die Sensorsysteme des SCAF vorgesehen war, signalisierten bereits ihre Bereitschaft, sich einem anderen europäischen Programm anzuschließen. Madrid sitzt nicht still, aber Madrid sitzt auch ohne Hebel.
Was Europa jetzt wirklich braucht
Frankreich sollte die Schweden-Option ernst nehmen, statt sie als Notlösung zu behandeln. Ein europäisches Kampfflugzeug braucht nicht zwei gleich starke Architekten, sondern klare Führung mit fairer Lastenteilung. Das war beim SCAF das Grundproblem, und jeder neue Ansatz muss genau dort ansetzen. Wer das Modell Airbus-Dassault-Konflikt einfach mit neuen Namen wiederholt, wird in zehn Jahren wieder von einem Scheitern berichten.
„Das Kampfflugzeug ist das Wichtigste im europäischen Strategiemodell, es ist eine extrem strukturierende Entscheidung », betont Audrand. Europa kann es sich schlicht nicht leisten, diese Entscheidung erneut zu verschwenden.
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