Merz kämpft gegen Teilzeit : Kann Deutschland seine Arbeitskultur reformieren ?

Politiker spricht vor versammeltem Bundestag in moderner Sitzungssaal

Deutschland steht vor einer tiefgreifenden Debatte über seine Arbeitskultur. Während die Beschäftigungsquote mit 78 % deutlich über dem französischen Niveau von 69 % liegt, wächst die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden kaum noch. Zwischen 2015 und 2025 stieg die Zahl der Beschäftigten um 11 %, doch das gesamte Arbeitsvolumen erhöhte sich nur um 7 %. Dieser Widerspruch treibt Politiker, Ökonomen und Unternehmer gleichermaßen um.

Teilzeitarbeit in Deutschland : Ein Modell unter Beschuss

Rund 40 % der deutschen Erwerbstätigen arbeiten heute in Teilzeit – ein Wert, der im europäischen Vergleich auffällt. In Frankreich liegt dieser Anteil bei lediglich 18 %. Diese Entwicklung hat strukturelle Ursachen : Seit 2001 können Arbeitnehmer in Betrieben mit mehr als 15 Beschäftigten nach mindestens sechs Monaten Betriebszugehörigkeit Teilzeit beantragen. Vor 25 Jahren betrug der Teilzeitanteil noch 29,4 % – die Zunahme ist also erheblich.

Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion, eine dem CDU nahestehende Unternehmervereinigung, fordert nun die Abschaffung dieses Anspruchs. Sie geißelt den sogenannten „Lifestyle-Teilzeit » – ein Arbeitszeitmodell, das nicht aus wirtschaftlicher Not, sondern aus persönlicher Präferenz gewählt wird. In Deutschland trifft das auf 27 % der Teilzeitkräfte zu, während in Frankreich Teilzeit häufiger unfreiwillig entsteht.

Bundeskanzler Friedrich Merz unterstützt diese Richtung, ohne explizit dieselbe Schärfe an den Tag zu legen. Er hat wiederholt gefordert, „mehr und effizienter zu arbeiten ». Boris Rhein, Ministerpräsident von Hessen, geht weiter : Er hält den gesellschaftlichen Diskurs über die Viertagewoche für fehl am Platz, während Griechenland bereits die Sechstagewoche eingeführt hat. „Wir müssen uns in Deutschland wieder ans Arbeiten gewöhnen », erklärte er unmissverständlich.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg bestätigt das Paradox : Deutschland arbeitet zwar insgesamt mehr als je zuvor, aber die Stunden je Beschäftigtem sinken. Im internationalen Vergleich arbeiten die Franzosen im Durchschnitt sogar mehr als die Deutschen – 1.545 Stunden pro Jahr gegenüber 1.518 Stunden laut Eurostat-Daten. Allerdings arbeiten deutsche Vollzeitbeschäftigte länger : 1.785 Stunden jährlich, verglichen mit 1.664 Stunden in Frankreich.

Der Ruf nach der 40-Stunden-Woche in der Industrie

Lars Brzoska, Vorstandsvorsitzender von Jungheinrich, einem der weltweit führenden Gabelstapler-Hersteller, macht keinen Hehl aus seiner Haltung. Im Blatt „Die Welt » warnte er eindringlich : „À ce rythme nous serons ruinés » – auf Deutsch : In diesem Tempo werden wir ruiniert, und am Ende wird niemand mehr einen Arbeitsplatz haben. Für ihn ist die Lage klar : Deutschland verliert im globalen Produktivitätswettbewerb.

Er verweist auf asiatische Volkswirtschaften wie Indien, wo eine Arbeitsstunde sechsmal günstiger ist. In China, so Brzoska, arbeiten junge Hochschulabsolventen in Robotikunternehmen teilweise 20 Stunden täglich, sieben Tage die Woche. Diese „unglaubliche Arbeitsethik » kontrastiert für ihn scharf mit der deutschen Realität. Seine Forderung : Rückkehr zur 40-Stunden-Woche in der Industrie, ohne Lohnausgleich.

Die aktuelle Tarifsituation verschärft den Konflikt. In zahlreichen Industriebetrieben gilt die 35-Stunden-Woche gemäß Tarifvertrag – ein Ergebnis langer Verhandlungen mit der Gewerkschaft IG Metall. Diese strebt sogar eine weitere Arbeitszeitverkürzung an, bei vollem Lohnausgleich. Genau das empört Brzoska und viele Arbeitgebervertreter.

Friedrich Merz griff im Januar 2026 ein weiteres Thema auf : die Krankmeldungen. Mit durchschnittlich 14,5 Krankheitstagen pro Jahr und Beschäftigtem – „fast drei Wochen ! », wie Merz provokant fragte – kostet der Krankenstand die deutsche Wirtschaft schätzungsweise 82 Milliarden Euro jährlich. Der Kanzler deutete an, die Leichtigkeit der Krankschreibungen habe Fehlzeiten normalisiert.

Das Tesla-Werk in Berlin-Brandenburg lieferte 2024 ein viel diskutiertes Beispiel : Die Werksleitung ließ rund 30 Beschäftigte zu Hause kontrollieren, da sie nicht gerechtfertigte Krankschreibungen vermutete. Tesla stoppte vorübergehend Gehaltszahlungen und forderte bereits ausgezahlte Beträge zurück, indem sie Zweifel an den vorgelegten Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen äußerte.

Was die Deutschen wirklich über ihre Arbeitszeit denken

Trotz des politischen Drucks zeigen Umfragen ein eindeutiges Bild der öffentlichen Stimmung. Die Mehrheit der Bevölkerung lehnt längere Arbeitszeiten ab. Eine aktuelle Erhebung offenbart folgende Präferenzen :

  • 73,5 % der Befragten lehnen die 48-Stunden-Woche ab und erwarten negative Auswirkungen auf ihr Leben.
  • 44,7 % sprechen sich für eine Vollzeitwoche zwischen 35 und 40 Stunden aus.
  • 33,9 % befürworten die Viertagewoche mit 32 Stunden bei gleichem Lohn.
  • 18,5 % bevorzugen ein Teilzeitmodell mit weniger als 35 Stunden wöchentlich.

Das IAB warnt daher vor übereilten Reformen. Eine Einschränkung der Teilzeitmöglichkeiten könnte dazu führen, dass viele Beschäftigte ihre Erwerbstätigkeit gänzlich aufgeben. Als Beleg dient das französische Beispiel : Die 2014 eingeführte Mindestarbeitszeit von 24 Wochenstunden führte dort zu einem Rückgang der Erwerbsbeteiligung.

Zudem betont das IAB den sozialen Wert flexibler Arbeitszeiten : Sie ermöglichen die Vereinbarkeit von Familie, Beruf, Weiterbildung und Privatleben. Einschränkungen würden überproportional Frauen treffen, die den Großteil der Teilzeitbeschäftigten stellen – was als diskriminierend eingestuft wird.

Indikator Deutschland Frankreich
Beschäftigungsquote 78 % 69 %
Teilzeitquote 40 % 18 %
Ø Jahresarbeitsstunden (alle Beschäftigten) 1.518 h 1.545 h
Ø Jahresarbeitsstunden (Vollzeit) 1.785 h 1.664 h
Ø Krankheitstage pro Jahr 14,5 k. A.

Die Reformdebatte ist damit längst nicht beendet. Deutschland steht vor der Herausforderung, demografischen Druck, Produktivitätsschwäche und gesellschaftliche Erwartungen miteinander zu versöhnen. Die Lösungen, die Merz und seine Verbündeten vorschlagen, stoßen auf breiten Widerstand – doch der Handlungsbedarf ist unbestreitbar real.

Elena
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