Die aktuelle Tarifkrise hat die globale Automobilindustrie in eine bedrohliche Lage versetzt. S&P Global Mobility schätzt die Wahrscheinlichkeit einer längeren Produktionsunterbrechung auf alarmierend hohe 50%. Dieser Bericht analysiert die potenziellen Auswirkungen der Zölle auf die Automobilproduktion in Nordamerika und weltweit. Die Folgen könnten drastisch sein: Produktionsstopps, Preissteigerungen und Verzögerungen bei der Entwicklung neuer Fahrzeugmodelle.
Dramatische auswirkungen der zollpolitik auf die automobilproduktion
S&P Global Mobility warnt vor massiven Einschnitten in der nordamerikanischen Fahrzeugproduktion. Schon innerhalb einer Woche könnte die tägliche Produktion um bis zu 20.000 Fahrzeuge einbrechen. Diese Einschätzung erfolgt vor dem Hintergrund der volatilen Zollpolitik der Trump-Administration seit Februar 2025, die bereits mehrfach geändert wurde und Vergeltungsmaßnahmen verschiedener Länder nach sich zog.
Die aktuelle Situation schafft ein Klima der Unsicherheit, das langfristige Planungen für Autohersteller nahezu unmöglich macht. Entgegen der Behauptung, Zölle könnten die US-Fertigung stärken, weist S&P Global darauf hin, dass nur GM, Ford und Stellantis über ausreichende Kapazitäten für eine Produktionssteigerung in den USA verfügen.
Eine Produktionsverlagerung erfordert zudem die Umsiedlung von Zulieferern, was weder schnell noch kosteneffizient umsetzbar ist. Besonders problematisch: Die Zollstruktur und -kommunikation wird laut S&P Global bis 2025 voraussichtlich unberechenbar bleiben, was die mittel- und langfristige Planung von Fahrzeug- und Produktionsstätten in einen « virtuellen Stillstand » versetzt.
Drei szenarien für die zukunft der automobilindustrie
S&P Global Mobility hat drei mögliche Szenarien für die Auswirkungen der Zölle auf die nordamerikanische Automobilindustrie entwickelt:
- Schnelle Lösung (30% Wahrscheinlichkeit): Die 25%-Zölle auf kanadische und mexikanische Produkte werden innerhalb von vier Wochen aufgehoben. Trotzdem kommt es zu Produktionsverlusten durch Lieferprobleme und Grenzstaus.
- Längere Unterbrechung (50% Wahrscheinlichkeit): Die Zölle bleiben 16-20 Wochen bestehen. Mehrere gefährdete Fahrzeugmodelle werden langsamer produziert oder die Produktion wird eingestellt.
- Zollwinter (20% Wahrscheinlichkeit): Die 25%-Zölle werden langfristig beibehalten, was zu suboptimaler Beschaffung führt und die Verkäufe in Nordamerika über mehrere Jahre um 10% reduzieren könnte.
Das zweite Szenario gilt mittlerweile als das wahrscheinlichste. In diesem Fall würden Hersteller versuchen, ihre Lagerbestände zu schonen, « verzollte » Waren nur langsam aufzufüllen und Anreize zu begrenzen. Die Fahrzeugpreise würden steigen, um die Rentabilität zu schützen.
Ein 25%-Zoll auf alle Fahrzeugimporte ab Anfang April würde sich auf 45% aller Leichtfahrzeugverkäufe in den USA auswirken. Konsumenten würden mit steigenden Kosten für alle Waren konfrontiert, was ihre Kaufkraft und -bereitschaft für langlebige Güter wie Autos reduzieren würde.
| Szenario | Wahrscheinlichkeit | Dauer | Hauptauswirkungen |
|---|---|---|---|
| Schnelle Lösung | 30% | bis zu 4 Wochen | Kurzfristige Produktionsverluste, wiederherstellbare Verkäufe |
| Längere Unterbrechung | 50% | 16-20 Wochen | Produktionsstopps, Preiserhöhungen, Entwicklungsverzögerungen |
| Zollwinter | 20% | langfristig | Verkaufsrückgang von 10% über mehrere Jahre |
Die komplexität des USMCA-abkommens und die betroffenen hersteller
Die Bestimmung der USMCA-Konformität von Fahrzeugen ist äußerst komplex. Laut dem Freihandelsabkommen müssen 75% des Fahrzeuginhalts aus den USA, Kanada oder Mexiko stammen. Zusätzlich müssen 40% der Kernteile und 70% des Stahls und Aluminiums regional bezogen werden. Auch Lohnvorschriften spielen eine Rolle.
Basierend auf Produktionsdaten von S&P Global Mobility sind Automobilhersteller, die Fahrzeuge in Kanada mit regional bezogenen Motoren und Getrieben montieren, eher konform. GM, Toyota und Stellantis haben lokalisierte Motor- und Getriebeproduktion, während Honda einige Getriebe importiert.
In Mexiko verfügen GM, Stellantis und Toyota über Motor- und Getriebeproduktion, während andere Hersteller wie Ford Konformitätsrisiken haben. Nissan ist wahrscheinlich konform, und Mazda erwartet trotz importierter Getriebe konform zu sein. Hyundai/Kia folgt in Mexiko einem ähnlichen Muster, was sie wahrscheinlich konform macht.
Die deutschen Hersteller BMW und Mercedes-Benz sind aufgrund ihrer aus Europa bezogenen Getriebe und Motoren wahrscheinlich nicht USMCA-konform. Die Konformität kann je nach Ausstattungsniveau variieren, abhängig von den Motor- und Getriebebaugruppen.
Langfristige auswirkungen auf markt und industrie
Experten sind sich einig, dass die bisherigen Störungen die Branche auf einen potenziellen Verkaufsrückgang vorbereiten, da die Fahrzeugpreise steigen werden. Sam Fiorani von Auto Forecast Solutions betonte, dass die nordamerikanische Automobilindustrie seit 30 Jahren auf eine harmonisierte Produktion und den Versand von Teilen und Fahrzeugen über die Grenzen aller drei Länder hinweg angewiesen ist.
Die Störung der Preise für Fahrzeuge oder Teile aus Kanada und/oder Mexiko wird die Preise nur erhöhen und Verbraucher vom Kauf abschrecken. Trotz dieser düsteren Aussichten erwartet S&P Global, dass Autohersteller ihr Engagement für die US-Fertigung in mittelfristigen Investitionsankündigungen bekräftigen werden.
Möglicherweise wird sogar eine Verlagerung der Produktion von Mexiko, Kanada und anderen Standorten in die USA stattfinden. Die « Detroit Three » (GM, Ford, Stellantis) produzieren alle in Mexiko und Kanada, während GM und Ford auch Fahrzeuge in China herstellen, die in den USA verkauft werden.
Die Automobilindustrie mit ihren fünfjährigen Produktzyklen kann sich nicht von einem Tag auf den anderen an Zölle anpassen. Die aktuelle Situation stellt eine beispiellose Herausforderung dar, die tiefgreifende und langanhaltende Auswirkungen auf die globale Automobilproduktion haben könnte.



